Europäisches Accessibility Forum Frankfurt, 27. März

namics veranstaltet am 27. März das Europäische Accessibility Forum Frankfurt.

Auf dieser internationalen Konferenz, die in ihrer Art in Deutschland wohl einmalig ist, wollen wir Barrierefreiheit aus verschiedenen Perspektiven beleuchten: Technologie, Wirtschaftlichkeit, Politik und Hochschulausbildung. In sieben Gesprächsrunden kommen Expertinnen und Experten zusammen, stellen jeweils in einer kurzen Präsentation ihre Arbeit und ihren Aspekt des Themas vor und diskutieren anschließend darüber.

Wir konnten Referenten u.a. von der Deutschen Bahn, dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales, der Europäischen Kommission, France Télécom, Google, IBM, Microsoft, Mozilla, Opera, dem W3C, dem Web Standards Project und Yahoo! gewinnen, die zu folgenden Themen sprechen:

  • Barrierefreie Web-Anwendungen
  • Mobiler Zugang – geräteunabhängig oder barrierefrei?
  • Barrierefreiheitsrichtlinien im nationalen Vergleich
  • Accessible Rich Internet Applications (ARIA)
  • Webstandards und Barrierefreiheit in der Hochschulausbildung
  • Harmonisierung von europäischen Barrierefreiheitsrichtlinien
  • Der Geschäftswert von Barrierefreiheit

Die Keynote wird Linda Mauperon halten, sie ist Kabinettsmitglied der Europäischen Kommissarin für Informationsgesellschaft und Medien, Viviane Reding. Näheres dazu auch im Programm.

Ziel der Veranstaltung ist es, Barrierefreiheit von außen aus verschiedenen Winkeln zu beleuchten und Innovationsträger zu präsentieren, in deren Unternehmen und Kommunikation Barrierefreiheit schon längst dazugehört – und die gutes Geld damit verdienen. Von den Themen her sollte für alle etwas dabei sein: für Techies, für Consultants, Hochschulangehörige und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Unternehmen. Die Konferenz ist limitiert auf maximal 200 Teilnehmende, ab nächster Woche kann man sich anmelden.

Unter der Haube hat die Website auch einige Perlen versteckt: selbstverständlich ist sie weitgehend barrierefrei (mit coolen Sprungmarken), aber sie ist auch wahnsinnig schnell, weil die Best Practices zur Frontend Performance von Yahoo! eingehalten werden. Es gibt eigene Stylesheets zum Drucken, für iPhones und für mobile Endgeräte. Und als CMS verwenden wir WordPress µ, womit über die gleiche Installation die deutsche und die englische Version verwaltet werden kann.

A-Tag in Wien

Letzte Woche war ich eingeladen, auf dem A-Tag in Wien einen Vortrag über den kommenden W3C Standard für Accessible Rich Internet Applications (ARIA) zu halten. Im Wesentlichen geht es da um barrierefreies Web 2.0 — tolle Effekte, aber ohne Menschen mit Behinderungen auszugrenzen (wer will das schon?). Die Präsentation lief recht gut, da ich einige verständliche Code-Beispiele und Screencasts von Anwendungen eingebunden habe — obwohl die Teilnehmenden ein bisschen überfordert wirkten, als ich über die erforderlichen JavaScript-Funktionalitäten zu sprechen begann, die dazu dienen, die Tastaturbedienbarkeit von komplexeren Widgets herzustellen. ;-) Darum habe ich diese Folie überarbeitet und noch eine hinzugefügt, die auf Reiternavigationen mittels verschiedener JavaScript-Frameworks verweist, wie Christian Heilmann anregte.

Die Präsentation kann man auf Slideshare anschauen oder herunterladen (Creative Commons-Lizenz). Ich habe aber auch versprochen, einen detaillierteren Artikel über durch ARIA verbesserte Reiternavigationen für den Webkrauts Webstandards-Adventskalendar zu schreiben, auf dem es bald mehr Informationen dazu gibt.

Präsentation auf SlideShare ansehen

Die Konferenz selbst war überraschend innovativ: Ich hatte schon halbwegs damit gerechnet, auf eine Menge Schlipsträger zu treffen, da die Veranstaltung vom österreichischen Bundesministerium für Gesundheit, Familie und Jugend mitorganisiert wurde, stattdessen sah man viele junge Gesichter und einen einigermaßen ausgewogenen Frauenanteil. Dinge, die ich auf dem A-Tag gelernt (und getwittert) habe, umfassen darüberhinaus:

  • Ab Januar 2009 unterstützt das österreichische Bundesministerium für Gesundheit nur noch Websites, wenn sie barrierefrei sind. Das kommt wenig überraschend, da schon ein Beschluss des Europäischen Ministerrats im Jahre 2006 ankündigte, dass Barrierefreiheit und Best Practices ab 2010 in Öffentlichen Ausschreibungen zur Pflicht werden können.
  • Artur Ortega zeigte einige barrierefreie Beispiele, die Dirk Ginader für Yahoo! Finance realisiert hat, darunter zwei Eingabefelder, deren Labels dynamisch aktualisiert werden nachdem man eine Währung auswählt. Ein Screenreader liest somit vor „Pfund Sterling in Euro umrechnen“ statt des generischen Textes „Währung 1 in Währung 2 umrechnen“.
  • Ein Grund für per JavaScript optimierte HTML-Bedienelemente für Flash-Videos wie bei Yahoo! Video ist, dass das Flash-Objekt nicht mehr per Tastatur ansteuerbar ist, wenn der
    wmode

    Parameter auf

    opaque

    oder

    transparent

    gesetzt wurde. Allerdings ist es in Firefox 3 auch ohne diesen Parameter unmöglich, in ein Flash-Objekt hineinzutabben. Oder habe ich da etwas übersehen?

  • Designerin Maria Putzhuber zitierte eine interessante Fehleinschätzung: 70% der befragten Designer glaubten, dass Nutzer so gut wie immer über ihren Standort in der Website orientiert sind, während das in Wahrheit nur 10% der Nutzer schafften. Warum ist diese Wahrnehmung so verzerrt?

Neue Sternchen am SW-Himmel

namics ist wieder einmal am T-Camp (T steht für Technologie). Seit letztem Jahr haben wir zum Start ein „Querschlägergefäss“ mit technischen Top-Themen etabliert (vergleichbar mit dem externen Top 10 Standards von namics für Nicht-Techies). Ausgedacht und präsentiert wird von acht verschiedenen Entwicklern bei namics. Hier noch der Link zum Vorjahr.

> Cloud Computing (Markus Stäuble)

Erstens: Wie werden Dokumente synchron gehalten? Lösung ist ein zentraler Datenspeicher, wichtiger dabei aber die Verknüpfung mit der Anwendung. Kleine aber feine Unterschiede: docs.google.com ist es, office.microsoft.com nicht (weil die Anwendung nicht in der Cloud läuft). Zweitens: Die Plattform als Service so wie bei appengine.google.com oder in Javascript mit www.10gen.com. Und natürlich der Gorilla aws.amazon.com.

> Semantic Web (Timo Münkenwarf)

Habe ich doch schon mal gehört… „Daten einer Website maschinenverwertbar und damit Ihre Bedeutung interpretierbar macht“. Ein Beispiel anhand einer Kompetenzsuche. Nun zur Codierung und insb. dem Problem der Interoperabilität von Klassifizierungen und damit die Übertragbarkeit der Information. RDF als Beispiel für einer monohierarchischen Struktur und OWL zur Darstellung komplexer Beziehungen. Und nun natürlich die Grassroot-Ansätze, allem voran die Microformats mit netten Beispielen.

> Jiffy (Riccardo Berla)

Jiffy ist nicht ein lokales Tracing einer single Session (wie Fiddler oder Firebug) oder eine Verfügbarkeits-/ Lastmessung (wie Gomez oder Keynote). Jiffy ermöglicht dientseitige Geschwindigkeitsmessung von (mit JavaScript) ausgerüsteten Webseiten oder: Wie lange brauchen Webseiten beim Laden im Livebetrieb? Hinter Jiffy stehen die Betreiber von whitepages.com und das Ding gibt es seit einigen Monaten unter eine Apache 2 Lizenz. Anhand einer Strukturgraphik erklärt Riccardo die Funktionsweise am Beispiel des namics Intranets. Das Jiffy-Log wird clientseitig asynchron geschrieben, wobei die realen Daten des Clients verfügbar sind (inkl. einer Usersession).

> Mobile 2.0 (Markus Koller)

Nach der Einleitung das (für uns) spannendste: Wie programmiert man Mobile-Anwendungen selbst: Plattformen, Libraries und die Verteilungsmechanismen. Und dann ein „Revival“, nämlich die Arbeit MobileMap, welche Heiko Maas in JME programmiert hat und am T-Camp vor 3 Jahren vorgestellt hatte. Zudem den Stand von Flash Light auf dem Handies.

> Hackable Gadgets (Marcel [Jabba] Albertin)

„Technische Spielzeuge“ als Lebensstil. Als prototypischer Vertreter: BUG Labs mit alle seinen Modules und danach den Chumby mit den üblichen lustigen Bildern aus der Community („weshalb baut jemand einen Computer in einen Bären?“). Weiter geht es mit Serienprodukten, die mehr Gadets als hackable: Webcam-Roboter von iRobot oder der Nabaztag.

> Scala (Sandro Ruch)

Wie viele Sachen oben. auch schon eine ältere Geschichte… Eine eigenständige, funktionale Sprache die sich auf verschiedenen Zielsprachen (wie Java oder .NET) kompilieren lässt. Das Ding kommt aus der ETH in Lausanne und Martin Odersky ist der Lead. Nun zu den Eigenschaften der Sprache: Alles objektorientiert und funktional. Also alles sind Funktionen (und diese wiederum nur Werte und Objekte). Interessant ist, dass es sowohl kompilieren (für verschiedene Zielplattformen) wie auch mit einem Interpreter ausführen kann. Wird wohl länger noch ein Sternchen bleiben ;-)

> Canvas (Martin Kliehm)

Vorweg: Zeigt es nicht den Designer, sonst haben wir nur noch solche Webseiten (und ich weiss nicht, ob ich das will). Canvas ist ein HTML 5 Element, geistig verwandt mit SVG: Eigentlich ist es so was wie Funktionen für den Apple Coverflow in den Standard reingeschmuggelt („It’s like having a little Apple in your browser“). Interessant ist, das ziemlich viele Browser das Element bereits unterstützen: FFox 1.5+, Opera 9.5+, Safari, Google Chrome, Google Gears… selbst ein JavaScript Workaround für den IE gibt es. Nun einige Beispiele Wetfloor für Bilder (gedrehter Gradient), Rotieren von Bildern oder auch Ausschnitte (alles clientseitig)… Weiter gibt es auch einen 3D-Kontext der grad in FFox via OpenGL eingebaut wird. Barrierefreiheit ist aber Null angedacht (keine Semantik), aber das ist wohl das taube Ohr der Working Group. Viele weitere Bespiele folgen auf Martins Computer. Sehr spannend ein Geschwindigkeitsvergleich von Google Maps in JS oder mit Canvas.

> Git Version Control System (Christian Felder)

„Ich habe es vor einigen Monaten entdeckt und ich finde es den Wahnsinn“. Eine ziemlich stupide Architektur: Keine Deltas aber BLOBS für Files und einen Tree mit Pointers. Dennoch sind die Repositories nicht sehr gross. Vorteil der einfachen Datenhaltung: Ridiculously Fast. Interessant ist das effiziente Packing womit es schnell über das Netzwerk funktioniert und das es auf eine Verteilung ausgelegt ist, ist das lokale Arbeiten (inkl. commit) sehr gut möglich. Es folgt der Erklärung der Unterschiede beispielsweise zu SVN. Inbs. Brachning ist sehr einfach und deshalb häufiger, da nur Pointers umgehängt werden müssen. Jetzt kommt die (schnelle) Demo. Was mag ich. Speed, Branching, lokales Commit und http://github.com/.

Hier die interne Präsi: T-Camp 2008 – Neue Sternchen am Software-Himmel und noch den GIT-Teil [pdf, 300KB]

Und nun geht es zwei Tage weiter mit über 30 Präsentation, Workshops (und der Bar Rouge).

Accessibility and Business Value Study

Ein Kollege *danke Urs* hat mich auf diese – sehr interessante – Studie von der Customer Respect Group aufmerksam gemacht.
Testgegenstand, der im Februar 2008 publizierten Studie, sind die Websites von 140 Unternehmen, die Mehrzahl davon aus der „2007 Fortune 100 list“. Ausgeschlossen waren explizit High-Technology Unternehmen sowie Unternehmen, welche sich mit Accessibility Consulting beschäftigen. Die Unternehmen sind in den USA, Kanada und Grossbritannien beheimatet.

Untersucht wurde, welche Unternehmen sich speziell durch zugängliche Internetseiten auszeichnen. Die Studienergebnisse kurz zusammengefasst sind:

  • Die Unternehmen, welche sehr gute Werte in Bezug auf die Zugänglichkeit ihrer Website aufweisen, haben einen starken e-commerce Fokus. Interessanter Weise konnte kein direkter Zusammenhang zwischen der gesetzlichen Verpflichtung und der maximalen Erzielung der Barrierefreiheit hergestellt werden.
  • Besonders erfolgreich wurde bei den Unternehmen Barrierefreiheit umgesetzt, die sich durch diese Massnahme gegen die Konkurrenz im Markt differenzieren wollen.
  • O2 UK wurde in der Studie als am besten zugänglich bewertet.

Empirisch interessant für mich war vor allem, dass nachgewiesen werden konnte, dass der Gap zwischen Usability und Accessibility grösser ist als der zwischen Usability und Nicht-Usability. Das heisst im Umkehrschluss, Usability hat es inzwischen zu einem gewissen Selbstverständnis geschafft.

Auch wenn das PDF der Studie nicht barrierefrei generiert worden ist, so ist sie doch interessant zu lesen. Hier der Link zum Nachlesen: PDF-Datei, 1.2MB

@media 2008

Hot Topics Panel @media ist eine zweitägige Web-Konferenz in London, die sich zeitgemäßen Themen widmet und bei der man die Chance hat, direkt mit Entwicklern von Yahoo, Mozilla oder Opera zu reden. Es ist immer ganz gut, einen direkten Draht zu haben.

Beeindruckt hat mich die Professionalität und Innovationsfähigkeit der BBC, die in einer Case Study aus dem Nähkästchen geplaudert hat. Interessant zu sehen, dass die von Yahoo! entwickelten Regeln zu Exceptional Performace inzwischen auch hier angekommen sind. Da ich die eher konservative deutsche öffentlich-rechtliche Medienlandschaft kenne, hat es mich überrascht, wie offen die BBC ist. Da gibt es eine Public Beta, bevor das neue Redesign der breiten Masse offeriert wird. Da gibt es eine dokumentierte API, mit der Dritte Material der BBC wiederverwenden können. Und BBC ist eine der Vorreiterinnen in Sachen Barrierefreiheit und Geräteunabhängigkeit (= mobile Nutzung) im Königreich.

@media 2008: Andy Clarke’s design In Design-Vorträgen liess sich Andy Clarke von Comic-Panels inspirieren, um Gewichtung und Dynamik in Websites zu bringen. Dan Rubin zeigte hingegen sehr detailverliebte Designs, bei der ich interdisziplinären Kommunikationsbedarf sehe. Zum einen sind zum Beispiel absichtlich hinzugefügte Störungen auf einer monochromen Fläche nicht sofort erkennbar. Dan will damit mehr Haptik, eine Textur erreichen. Wenn nun aber ein Entwickler diese Photoshop-Datei ohne Erklärungen bekommt, besteht eine grosse Chance, dass er die Störungen nicht wahrnimmt oder sie als zufällige Artefakte einstuft und ignoriert.

Zum anderen arbeitet Dan mit wiederverwendbaren Filtern, um in Photoshop sehr einfach Effekte wie runde Ecken, Gradienten oder Schatten hinzuzufügen. Dieser universelle, wiederverwendbare Ansatz lässt sich leider nicht zwangsläufig auf das Frontend übertragen. Ein wiederverwendbarer Effekt an vielen Stellen in Photoshop kann nicht-wiederverwendbare, individuelle und somit kostenintensive Arbeit an vielen Stellen im Frontend bewirken. Wünschenswert wäre aber, Effekte einzusetzen, die sich in beiden Medien einfach, performant und wiederverwertbar realisieren lassen.

Slide: Knowledge Areas of Frontend Engineering Zukunftsweisend war wieder einmal die Keynote von Yahoo!-Entwickler Nate Koechley, der professionelles Frontend-Engineering thematisierte. HTML und seine Freunde waren jahrelang unterbewertet. Im Informatikstudium wird dieser Bereich oft nur am Rande behandelt, schliesslich sei es nur eine Auszeichnungssprache, keine Programmiersprache. Das ist falsch, denn HTML ist eine deklarative Programmiersprache, und im Zusammenspiel mit Stylesheets, JavaScript im Browser und Techniken wie PHP auf dem Server entwickeln wir damit Software im Browser. Douglas Crockford nennt es „die feindlichste Entwicklungsumgebung, die man sich vorstellen kann“. Es gibt eine Reihe von wichtigen Wissensgebieten, die auf verschiedene Arten angewendet werden müssen auf drei Betriebssystemen in einem halben Dutzend Browsern in zwei verschiedenen Darstellungsoptionen. Und damit sind noch nicht einmal Randgebiete wie Internationalisierung, Performance oder Barrierefreiheit enthalten. Wenn Sie also zukünftig wieder einmal kleine Rauchwölkchen aus den Köpfen Ihrer Entwickler aufsteigen sehen, wissen Sie warum.

Auch die Barrierefreiheit kam nicht zu kurz, allein schon wegen der ausgewiesenen Experten im Publikum, mit denen sich stets interessante Gesprächsthemen fanden. In einem Panel ging es dabei um die Kommunikation von Best Practices. Hängengeblieben ist davon der Satz: „Sei nicht der Mensch mit den Problemen, sei der mit den Lösungen.“ Zugegeben, es ist enorm schwierig, sich leidenschaftlich für ein Thema zu engagieren, dabei aber die Fähigkeit zu besitzen, pragmatisch und diplomatisch bleiben zu können. Andererseits denke ich aber, dass sich Lösungen finden lassen, wenn beide Seiten Argumenten zugänglich sind, ihre eigene Position zu hinterfragen und zu Kompromissen bereit sind.

Darüberhinaus betonten die Podiumsteilnehmer erneut, dass Barrierefreiheit nur dann langfristig und nachhaltig effizient sein kann, wenn die Massnahmen auf Vorstandsebene (PDF) unterstützt werden, wenn es eine Accessibility Policy in einem Unternehmen gibt, und wenn kluge Unternehmen einsehen, dass mit Zielgruppenmaximierung bedeutende Umsätze zu erzielen sind. Keine Angst, Menschen mit Behinderungen möchten als Markt wahrgenommen werden!

Ein bisschen ausführlicher und auf englisch habe ich übrigens in meinem eigenen Blog über @media berichtet.

Mozilla Download Day

Firefox 3

Heute ist der Mozilla Download Day! Ab den Abendstunden steht Firefox 3 zum Download bereit. Mozilla hat sich vorgenommen, mit den meisten Downloads in 24 Stunden ins Guinness Buch der Rekorde zu kommen. Das ist selbstverständlich nur ein Marketing-Trick, um der Nachricht des neuen Releases mehr Wert zu verleihen, aber man bekommt einen exzellenten Browser dafür, und irgendwie cool ist es schon, an dem Weltrekord-Versuch teilzunehmen.

Firefox 3 ist schneller und es gibt nun auch endlich die Firebug-Extension dafür, ohne die Entwickler nicht leben können. Aber für mich ist das herausragende Feature die vollständige Unterstützung des W3C-Standards für Accessible Rich Internet Applications. Das bedeutet so viel wie barrierefreies Web 2.0. Das ganze Bling-bling der heutigen Web-Applikationen lässt sich mit etwas Sorgfalt zugänglich machen für Screenreader. Elemente bekommen mehr Semantik, ihre Zustände können definiert werden, Beziehungen zwischen Elementen werden hergestellt, und für Teile der Seite, die dynamische Inhalte haben, gibt es nun Methoden, Menschen zugänglich darüber zu informieren, wenn sich Inhalte ändern.

Zudem bedeutet der Release auch, dass wir den Browser bei zukünftigen Projekten im Sinne des Graded Browser Supports unterstützen werden. Für Firefox 2 gibt es von Mozilla noch ein halbes Jahr Support, danach können wir ihn auch ignorieren. Graded Browser Support ist ein pragmatischer Ansatz, Websites bei maximaler Kosteneffizienz für die größtmögliche Reichweite zu testen. In der Praxis bedeutet das Internet Explorer 6 und 7, Firefox 2.x und 3.x, Opera 9.x und Safari 3.x. Da sich die Browser selbständig aktualisieren, steht das „x“ immer für die neueste nicht-beta Version. Also Firefox 2.0.0.14, nicht Firefox 2.0.0.1 bis 2.0.0.14.

In der Zwischenzeit können wir uns noch den ganzen Tag auf Firefox 3 freuen, und heute Abend gibt es einige Parties. Leider nicht so viele in Deutschland und der Schweiz, aber unsere Münchner Kollegen können heute Abend bei Mozilla feiern gehen!

BITV 2.0 am grünen Tisch?

Seit im Dezember 2006 der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, MdB Franz Thönnes, ankündigte, dass die Barrierefreie Informationstechnologie-Verordnung (BITV) mit Hinblick auf die Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) 2.0 überarbeitet werden sollte, war ich interessiert zu erfahren, wer an dieser Arbeitsgruppe mitwirken würde. Bisher erfolglos. Denn anders als in den Schweizer Richtlinien (PDF, 162 KB) sind der Prozess der Erarbeitung der Richtlinien sowie die daran Beteiligten völlig untransparent. Man sucht vergebens Einträge in Blogs, und es gibt keine Diskussionen auf öffentlichen Mailinglisten. In einer Szene, in der die Transparenz der Web Accesssibility Initiative (WAI) des W3C ein stetiges Gesprächsthema ist, verwundert das ein wenig.

Im Rahmen der Antworten zu einer parlamentarischen Anfrage (PDF, 465 KB) an die Bundesregierung sind einige Dinge deutlicher geworden:

  • Seit Mai 2007 befasst sich eine Arbeitsgruppe mit der Aktualisierung der BITV. Die Arbeiten sollen bis Sommer 2008 abgeschlossen sein.
  • An der Arbeitsgruppe beteiligt sind Vertreter „der Wissenschaft“, der Behindertenbeauftragten und des Bundesverwaltungsamtes. Vertreter von Verbänden und Organisationen von Menschen mit Behinderungen wurden zu einzelnen Fachsitzungen gehört.
  • Das Bundesministerium für Arbeit und Sozialies fördert das Aktionsbündnis barrierefreies Internet (AbI), das Projekt BIK und INCOBS. Eine tragende Rolle im AbI nimmt Prof. Dr. Christian Bühler ein. Die Vermutung liegt nahe, dass er der Vertreter der Wissenschaft ist. BIK und INCOBS sind Projekte der Hamburger Dias GmbH in Zusammenarbeit mit Sehbehinderten- und Blindenverbänden. Einige Kriterien, die speziell Menschen mit Sehbehinderungen betreffen, haben in der BITV stärkere Gewichtung als in den WCAG.
  • Die Belange von Menschen mit Lern- und geistigen Behinderungen sollen zukünftig stärker berücksichtigt werden, gerade auch in Form von Leichter Sprache. Gleichzeitig soll sich die BITV an den WCAG 2.0 orientieren, in der diese Belange eine deutlich geringere Rolle spielen. Ich bin gespannt, wie diese Gegensätze gelöst werden.
  • Der Bundesregierung sind Arbeiten an einer DIN-Norm für die barrierefreie Zugänglichkeit visueller Informationen bekannt. Das klingt nach einer weiteren Zusammenarbeit von Prof. Bühler mit DIN CERTCO. Offen gestanden bin ich nach dem Flop der DIN-Zertifizierung etwas skeptisch, was den Erfolg eines solchen Projektes anbelangt.

  • Seit 2002 sind erst acht Zielvereinbarungen zwischen Unternehmen und Behindertenverbänden abgeschlossen worden. Zielvereinbarungen sollten ein Instrument sein, um Wirtschaftsverbände freiwillig an die BITV zu binden. Bislang scheiterte dies offenbar an dem hohen Aufwand und Komplexität solcher Verhandlungen verbunden mit der Tatsache, dass Behindertenverbände auf eigene Kosten und oft mit überwiegend ehrenamtlichen Mitarbeitern von dieser Aufgabe überfordert sind. Das gleiche gilt für das juristische Instrument der Verbandsklage, das noch seltener genutzt wurde. Die Landschaft stellt sich in Deutschland einfach anders dar als etwa in Großbritannien, wo es mit dem Royal National Institute of the Blind und seinen Schwesterinstituten handlungsfähige, nationale Organisationen mit mehreren tausend hauptamtlichen Mitarbeitern als Interessenvertretungen gibt.
  • Die Bundesregierung sieht Barrierefreiheit, anders als die Europäische Kommission (Seite 141; PDF, 2,7 MB), bei öffentlichen Ausschreibungen über das bislang übliche Maß nicht als Auswahlkriterium zwischen Bewerbern.

Mir stellen sich dabei einige Fragen. In der Schweiz herrscht eine Konsensgesellschaft. Man bemüht sich, mit allen Beteiligten in Dialog zu treten. In der mutmaßlichen Zusammensetzung und Zielsetzung der deutschen Arbeitsgruppe nehme ich hingegen drei Lücken wahr: die Hochschulausbildung, die europäische Harmonisierung, und die Alltagstauglichkeit.

  1. Ein Schwerpunkt in den Richtlinien und Empfehlungen anderer europäischer Länder ist die Ausbildung. Die schwedischen Richtlinien (PDF, 1,3 MB) sprechen davon, dass 80% der Barrieren durch Unwissenheit enstehen, nur 20% sind Bugs. Opera und das Web Standards Project stehen kurz vor dem Abschluss eines Curriculums für barrierefreie Gestaltung von Websites. Und das mit Mitteln der Europäischen Kommission geförderte Inclusive Design Curriculum Network hat seine Arbeit bereits 2004 abgeschlossen. Das renommierte Fraunhofer Institut für Angewandte Informationstechnik (FIT) war daran beteiligt. Leider ist niemand von FIT zur Mitarbeit an der BITV eingeladen.
  2. Die BITV ist bisher stark technikgetrieben. Vor einem Jahr habe ich zwei Generationen von Modellen identifiziert: die erste Generation hält sich wie die BITV eng an die technischen Checklisten der WCAG 1.0. Nicht der Mensch steht im Mittelpunkt, sondern die automatische Prüffähigkeit. Die zweite Generation wächst darüber hinaus. Hier finden sich ganzheitliche, nachhaltige Ansätze. Ein starkes Anliegen der Europäischen Kommission ist es, diese national und zum Teil sogar regional fragmentierten Gesetzgebungen zu harmonisieren (a.a.O., S. 143). Zu diesem Zweck gibt es eine mit europäischen Fördermitteln unterstützte Arbeitsgruppe der W3C WAI. Sie wurde zwar auf verschiedenen Ebenen hinzugezogen, dennoch deuten die Anzeichen mehr darauf hin, eigene Schwerpunkte und Formulierungen in der BITV finden zu wollen, statt im Kern einfach auf das Original oder eine autorisierte Übersetzung zu verweisen, wie es die Briten oder Schweizer machen.
  3. Zu guter letzt müssen sich die Richtlinien im Alltag bewähren. Soweit ich das sehe, arbeiten bislang Vertreter aus Wissenschaft, Behörden und Behindertenverbänden zusammen. Sie haben Kompetenz in den Anforderungen, die Menschen mit Behinderungen an Informationstechnologie stellen. Sie können mit assistiven Technologien umgehen. Aber wer von ihnen kann eine komplexe Website mit zeitgemäßen Mitteln erstellen, und wer kennt sich intim mit den Browsern aus? Es gibt bei den Browserherstellern anerkannte Experten zu Barrierefreiheit, in Deutschland etwa Marco Zehe bei der Mozilla Foundation. Yahoo! und Google sind Innovationsführer im Markt und haben die Expertise, ihre progressiven Anwendungen barrierefrei zu machen. Standardgruppen wie das Web Standards Project oder die Webkrauts befassen sich intensiv auch auf nationaler Ebene mit Barrierefreiheit. Große Agenturen realisieren barrierefreie Auftritte. In der Schweiz oder in den Niederlanden wurden sie in die Arbeitsgruppen einbezogen. In Deutschland bislang Fehlanzeige.

Sollte man sich nicht bemühen, alle Stakeholder in den Dialog zu integrieren und diesen öffentlich zu führen? Inhaltlich hingegen setzen andere europäische Gesetzgebungungen die WCAG als gegeben voraus und legen darum ihre eigenen Schwerpunkte in der Beratung und Empfehlung von Best Practices (PDF, 821 KB). Sie schaffen damit Kompetenz und Vertrauen bei Kunden und Behörden, die sich auf dem neuen Terrain oft unsicher fühlen.

Bereits heute gibt es im internationalen Vergleich Defizite der deutschen Verordnung. Nun gäbe es die Chance, die Qualität und die Akzeptanz der BITV deutlich zu stärken.

Internet für ALLE – virtuelle Grenzen überwinden [Vortrag]

Am Mittwoch, 21. Mai 2008 habe ich an der Fachtagung der Orbit-iEX einen Vortrag zum Thema „virtuelle Grenzen überwinden“ gehalten. Ich habe mich über die zahlreiche Teilnahme und die interessante Diskussion sehr gefreut. Deshalb möchte ich gerne noch auf mein Handout (pdf, 4,8MB) verweisen.

Die nächste Chance etwas über „Barrierefreiheit“ von meiner Seite zu hören ist anlässlich der Informatica ’08 am 11. Juni 2008 – herzliche Einladung!

Einfach für Alle-Tagung: Die Software im Browser

Während meine Kollegin Luzia über Barrierefreiheit als Managementaufgabe diskutierte, sprach ich gestern auf der Fachtagung der Aktion Mensch über Web 2.0 und die Zugänglichkeit (oder Unzugänglichkeit) der Software im Browser. Mit auf dem Podium waren Anna Courtpozanis, blinde Expertin von der Heidelberger Organisation Web for All, Dr. Carlos Velasco, Leiter des BIKA Web Compliance Centers am Fraunhofer Institut für angewandte Informationstechnik (FIT) sowie Marco Zehe, Qualitätsbeauftragter für Barrierefreiheit bei Mozilla.

Eine sehr kompetente Runde. In den Einführungspräsentationen ging es dann um Hindernisse, Vorzüge und Wünsche bezüglich Web 2.0-Anwendungen aus der Sicht einer blinden Nutzerin; um die nach langen Jahren endlich schnell der Finalisierung zustrebenden Web Content Accessibility Guidelines 2.0 (WCAG) und ihre Herausforderungen für ein teil-automatisiertes Testing; wie sich die Firmenkultur von Innovationsträgern wie Google oder Yahoo von weniger progressiven Unternehmen unterscheidet und welche Auswirkungen sie auf Web 2.0-Anwendungen hat; sowie immer wieder um das barrierefreie Web 2.0. Einen guten Schritt in diese Richtung bezeichnet die Richtlinie für Accessible Rich Internet Applications (ARIA), die bereits jetzt oder in naher Zukunft von allen vier großen Browserherstellern, den Marktführern zum Vorlesen von Bildschirminhalten (Screenreadern) und wichtigen JavaScript Frameworks unterstützt wird.

Konsens am Ende der Diskussion war darum, dass Entwickler jetzt bedingungslos ARIA einsetzen sollten. Es gibt keinen Grund, damit zu warten. Die Lernkurve ist niedrig, aber es kennen noch zu wenige. Von verschiedenen Seiten, beispielsweise auf Universitätsebene und auch von Seiten des World Wide Web Consortiums (W3C), muss noch viel unternommen werden, um Entwickler zu erreichen und zeitgemäße Best Practices zu lehren.

Wir waren uns auch einig, dass sich in den nächsten fünf Jahren massiv viel in Richtung Barrierefreiheit tun wird. Das Interesse bei Unternehmen ist vorhanden, denn niemand möchte seine Mitarbeiterinnen oder Kunden wirklich diskriminieren. Damit steigt auch der Druck von Seiten der Mitbewerber. Gleichzeitig wird das Thema von der Politik vorangetrieben, wie die kürzliche Ratifizierung der UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen zeigt oder Vertreter der Europäischen Kommission in Publikationen wie The Accessibility Imperative offen ansprechen.

Nicht so technisch zugehen wird es übrigens auf der namics-Fachtagung zu Barrierefreiheit am 3. Juni in Frankfurt, die sich mehr an interessierte Einsteigerinnen wendet. Der Eintritt ist frei, ebenso noch einige Plätze.

Accessibility Day – Einladung!

Im Rahmen der informatica08 findet am 11. Juni 2008 ein so genannter Accessibility Day in Zürich statt. Die Vorträge beschäftigen sich von der barrierefreien Post, über barrierefreie Finanzdienstleistungen bis hin zur WCAG 2.0 und barrierefreien PDFs.

Ich werde mich an der Veranstaltung mit einem Referat zum Thema „Internet für ALLE – eine Herausforderung?“ beteiligen. Insbesondere freue ich mich auf das Podiumsgespräch mit allen Referenten zum Abschluss der Veranstaltung. Aufgrund der thematischen Vielfalt ist ein spannender Tag rund um das Thema Barrierefreiheit sicherlich garantiert.

Das ausführliche Programm mit allen Uhrzeiten ist hier zu finden: http://www.informatica08.ch/de/events/Accessibility_Day.html
Die Teilnahme an der Veranstaltung ist kostenlos, eine Anmeldung unter: www.informatica08.ch/de/events/Accessibility_Day.html allerdings erforderlich.