Der Wert des Product Owner Consultant

Bei Namics setzen wir seit einigen Jahren auf agile Frameworks im Rahmen unserer Projekte. So konnten wir in dieser Zeit einen umfangreichen Erfahrungsschatz aufbauen und haben zahlreiche Kunden bei ihren ersten agilen Schritten begleitet. Häufig ist die Umstellung für die Organisation des Kunden eine immense Herausforderung. Gleichzeitig jedoch ist eine zunehmende Bereitschaft für den Wandel unübersehbar. Als Framework der Wahl hat sich Scrum durchgesetzt, dessen großer Vorteil seine Leichtgewichtigkeit ist. Die Reduzierung der Zuständigkeiten auf die drei Rollen Entwicklungsteam, Scrum Master und Product Owner (PO) erscheint auf den ersten Blick klar und gut implementierbar. Wirft man nun jedoch einen genaueren Blick auf die Aufgaben der Einzelrollen Scrum Master und Product Owner, so zeigt sich schnell, dass die bloße Menge von Aufgaben, die tatsächlich notwendig sind, eine äußerst große Herausforderung darstellen kann.

Mit zunehmender Verwunderung habe ich in diesem Zusammenhang in den vergangenen Jahren die relativ einseitige Zunahme der Nachfrage nach Scrum Master- und Agile Coachings beobachtet. Auf verschiedenen Events hörte ich oftmals Aussagen wie “Der Agile Coach unterstützt alle Rollen.” oder “Der Scrum Master soll den Product Owner unterstützen, damit reicht es, wenn wir ihn befähigen.”.

Die Rolle des Product Owner Consultant

Diese Betrachtung greift aus meiner Sicht jedoch zu kurz, da die Rolle des Product Owners für den Produkterfolg zu zentral ist, als das Vermitteln von Werten und bloßer Theorie ausreichen würden. Als Wertmaximierer und Visionär ist es die Aufgabe des PO, dem Team inhaltliche Leitplanken zu setzen und die Erwartungen seiner Kunden und Stakeholder abzuholen. Für die Erledigung dieser Aufgaben muss der PO Methoden und Wissen aus den Bereichen der Strategieentwicklung, des Requirements Engineering, Business Engineering, Analytics und vielen weiteren Feldern einsetzen (s. Abb.).

Scrum ist nicht alles

Im Rahmen der agilen Produktentwicklung stellen die Scrum-Verpflichtungen nur einen Teil der Aufgaben des Product Owners dar. Für eine ausreichende Unterstützung des PO müssten Agile Coaches und Scrum Master ebenfalls Fähigkeiten und Wissen auf dem Feld der agilen Produktentwicklung besitzen. Die eigentlichen Aufgaben dieser Rollen bewegen sich häufig jedoch im Umfeld von Prozessoptimierungen, der Vermittlung agiler Werte und Prinzipien sowie dem Aufbau von Teamstrukturen. Die inhaltliche bzw. fachliche Arbeit mit dem Produkt steht dabei nicht im Fokus. Fügt man diese Aufgaben zu deren bereits bestehenden Verpflichtungen hinzu, kann es zu einer Überforderung der Rollen kommen.

An dieser Stelle setzt der Product Owner Consultant an. Aus meiner Sicht braucht der agile Product Manager eine dediziertere Unterstützung als bisher. Gerade bei unerfahrenen Product Ownern ist eine methodische und inhaltliche Unterstützung essentiell für den Erfolg des Produktes. Die Aufgabe des PO-Consultants ist es seinen Product Owner methodisch, inhaltlich und strategisch bei der agilen Produktentwicklung zu unterstützen und ihn zu befähigen, die an ihn gestellten Ansprüche zu erfüllen.

Bei Namics verstehen wir die Verantwortung des Product Owner Consultants in der Unterstützung auf allen Ebenen der PO-Arbeit: strategisch, operativ, bis hin zum Vorleben der agilen Werte. Konkret reicht das Aufgabenspektrum von Stakeholder- und Product Owner-Schulungen, über die Führung der Discovery Phase bis hin zur Unterstützung bei der Backlog-Pflege. Dabei gilt es zunächst herauszufinden, auf welchem Erfahrungslevel sich der PO befindet und welches Fähigkeiten-Zielbild angestrebt werden soll. Auf einer Konferenz konnten wir in diesem Zusammenhang eine erste Version des Product Owner Evolution Model ausprobieren. Dieses  Modell kann als kleine Hilfe für die Erarbeitung des Zielbildes dienen. Unabhängig von dieser Methode ist es wichtig, dass die Situation gemeinsam mit dem PO beleuchtet und bewertet wird, um ein gemeinsames Verständnis für die Notwendigkeit eines Coachings zu erkennen.

Um herauszufinden, wo die Unterstützung am nützlichsten eingesetzt werden kann, ist es die Aufgabe des Consultants, sich in die den PO umgebende Organisation einzuarbeiten und das Umfeld, die Branche und die Herausforderungen zu verstehen. So kann die Übernahme des Anforderungsmanagements, der Prozessmodellierung oder die Organisation einer Kundentestgruppe bereits eine große Entlastung für den PO darstellen. Die freigewordene Zeit kann zum Beispiel für die Bearbeitung anderer komplexer Anforderungen oder organisationsinterner Themen genutzt werden. Beispielhaft können hiermit die Steuerung von Stakeholdern, das Allokieren von Budget und die strategische Produktplanung genannt werden. Häufig unterstützt der PO-Consultant jedoch auch bei diesen Aufgaben.

Der Unterschied zwischen Proxy-PO und Product Owner Consultant

Eine häufig diskutierte Frage ist der Unterschied zwischen PO-Consultant und Proxy-PO. Die Rolle des Proxy-PO ist aus meiner Sicht bedenklich, da das Ziel vornehmlich ist, die Aufgaben des Product Owners vom eigentlichen PO fernzuhalten. Dieses Modell kommt oftmals dann zum Einsatz, wenn die Organisation nicht agil arbeiten will, die Produktentwicklung jedoch “agil” mit Scrum erfolgen soll. In den meisten Fällen fungiert der Projektleiter dabei als Proxy-PO, trifft allein Entscheidungen und agiert nach außen hin klassisch.

Dieser Ansatz folgt dem klassischen Auftraggeber-Dienstleister-Prinzip und kann meiner Meinung nach zu keinem wirklich erfolgreichen Produkt führen. Namics ist der Meinung, dass der Product Owner ausschließlich vom Kunden gestellt werden kann. Die Vision, das notwendige, tiefe Produkt-, Branchen- und Organisationswissen kann aus unserer Sicht nur ein interner Mitarbeiter des Auftraggebers besitzen. Der PO-Consultant hilft dabei, dieses Wissen im Rahmen der agilen Produktentwicklung nutzbar zu machen, methodisch zu kanalisieren und Entscheidungen vorzubereiten. Anders als der Proxy-PO trifft er aber keine Entscheidung allein oder schirmt das Team ab. Ganz im Gegenteil fördert er als Teil des Scrum-Teams die enge Zusammenarbeit zwischen PO und Entwicklungsteam. Durch die Übernahme einzelner Aufgaben vor und während des Sprints schafft er die dafür nötigen Freiräume. Die Aneignung der damit einhergehenden fachlichen Tiefe ist eine der zentralen Aufgaben des Product Owner Consultants.

Das Tandem aus Product Owner und Product Owner Consultant stellt bei einer guten Aufteilung der Tätigkeiten aus meiner Erfahrung ein sehr schlagkräftiges Team dar. Wie bei jedem unserer Coachings ist es jedoch mittelfristig das Ziel, den Product Owner zu befähigen seine Rolle mit abnehmender Unterstützung durch den PO-Consultant zunehmend selbstständiger ausführen zu können. Je erfahrener der PO wird und umso bessere Rahmenbedingungen durch Scrum Master oder Agile Coach geschaffen werden, desto weniger braucht es tendenziell die unterstützende Rolle des Product Owner Consultants.

Zusammenfassend kann man festhalten, dass die Einführung des Product Owner Consultants bei unseren Product Ownern auf Kundenseite und den Teammitgliedern durchweg positives Feedback erhält. Jede Rolle erfordert spezielle Fähigkeiten und damit auch spezialisierte Coaches, die diese Fähigkeiten besitzen. Agile Coach und Scrum Master sind keine Allround-Profis. Mit der Rolle des Product Owner Consultant wird Namics auch den Anforderungen des Product Owners gerecht.

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