IA Konferenz 2016 in Berlin

Motto der diesjährigen Informations-Architektur-Konferenz für 2016 war Vision. Strategie. Produkt. In insgesamt 28 Vorträgen ging es um alles, wofür das UX-Herz schlägt – von Analyse-und Kreativitätstechniken bis hin zur strategischen Einbettung und agilen UX-Projekten – kurzum: zwei sehr spannende Tage, in denen viel aus dem Nähkästchen geplaudert wurde. Meine persönlichen Favoriten möchte ich im Folgenden genauer beleuchten.

Paradoxie und Erfolg – Was wir strategisch in den Blick nehmen müssen

Rainer Sax @rainersax aus dem Humanist Lab in Hamburg hat mir mit seinem Vortrag den ersten AHA-Moment der Konferenz beschert.
Nicht zuletzt aufgrund der Briefingqualität kommen UXler in Projekten immer mal wieder an den Punkt, wo Zweifel quälen – eine Phase die meines Erachtens Bestandteil eines kreativen Prozesses ist und notwendig, um zu hinterfragen, umzuwerfen und letztendlich für den Nutzer und nicht aus eigenen Beweggründen zu entscheiden.

Jedes verdammte Projekt

An dieser Stelle (am Tiefpunkt) lohnt es sich gemäss Rainer Sax, nochmal den Schritt zurückzutreten, nachzudenken und zu reflektieren sowie die kritischen Punkte als Paradoxa zu formulieren: Weil dies so ist, ist jenes so. Weil jenes so ist, ist das andere so… Denkt man über diese Paradoxa – in diesem Fall zu verstehen als scheinbar logische Verkettungen – und deren Ursachen genauer nach, so kommt man letztendlich zu Themes. Themes sind als solche weder Teil der Lösung, noch nicht Teil der Lösung – einfach gesagt sind Themes nur Wörter wie Erlebnis oder Lebendigkeit, die aus Beobachtung und Analyse des jeweiligen Kontexts gewonnen werden. In einem letzten Schritt werden Frames gebildet wie „Wenn man das Problem als Frage der Lebendigkeit sieht, dann…“. Hierdurch werden spannende und vielseitige Lösungen entwickelt, die man Schritt für Schritt umsetzen kann – in Sax Vortrag am Beispiel der Sydney Opera, bei denen nun Veranstaltungen und touristische Erlebnisse die vorangegangenen Protestbewegungen ersetzen.

 

Escaping the filter bubble – Die Rolle von User Experience in datengetriebenen Personalisierungsprojekten

Hias Wrba @ScreaminHias von Feld M in München hat einen interessanten Einblick in User Experience in datengetriebenen Personalisierungsprojekten und Emfpehlungsdiensten geliefert – ein extrem spannendes Thema zwischen Informations- und Datenethik einerseits und einer guten User Experience andererseits – etwas, was mich selbst schon mehrere Jahre bewegt. Tag für Tag stimmen wir bewusst oder unbewusst zu, dass unsere persönlichen Daten algorithmisch ausgewertet werden, um bessere Empfehlungen, relevantere Suchtreffer oder auch „interessantere“ News zu erhalten. Scheint erstmal gut – ist es teilweise auch. Hierbei erhalten wir vorwiegend Informationen, die zu unseren eigenen Meinungen und auf unser Profil passen. Eine Transparenz, was mit welchen Daten passiert, ob Kosten und Nutzen für uns wirklich übereinstimmen, ob wir uns in einer Filterblase festsitzen, die auf unseren eigenen Geschmack zugeschnitten ist und aus der wir kaum herauskommen – all das ist unklar. Wir stellen Derartiges oft erst dann fest, wenn es einen deutlichen Bruch in der User Experience gibt, z.B. wenn wir ein Sofa gekauft haben und dann überall Werbung zu Sofas erhalten, die wir nicht ausblenden können, obwohl wir sicherlich kein weiteres Sofa möchten. Wrbas auf Transparenz basierender Lösungsansatz ist gleichzeitig simpel und schillernd:

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Value, Cost & Persuasion, oder wie man die Möhre verkauft – Ein kleines, nützliches Framework für mehr Relevanz, mehr Motivation und weniger Hürden im UX Design

Mit Rupert Platz @r000pert aus Berlin ist auch der zweite Tag mit einem absoluten Highlight gestartet. In gewissem Sinn knüpft er an Wrbas Vortrag an – denn auch Platz stellt zunächst sehr anschaulich und unterhaltsam klar, dass nichts im Internet kostenlos ist – zahlen wir nicht mit Geld, so kostet es uns Zeit, Nerv oder Hirnschmalz oder wir zahlen mit Daten und Informationen.

In seinem Framework spielt Rupert Platz exemplarisch Prozesse durch und schlüsselt die unterschiedlichen Kosten auf. Gleichzeitig taxiert er die Grösse der Möhre, also den Nutzen für den Kunden und wiegt ab, ob ein ausgeglichenes Verhältnis besteht. Ein einfaches Prinzip – bekannt unter „information foraging theory“ – das trotzdem im Alltag und in mitten aller Diskussionen leicht vergessen wird, so aber bewusst in den Fokus gerückt wird. Stimmt das Verhältnis, so kann man beginnen, die Leistung in ein besseres Licht zu rücken – dies unter anderem auch dadurch, dass man dem Nutzer entscheidungsrelevante Informationen in zugeschnittener Form liefert.

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Neben diesen drei Vorträgen hat mich eine Reihe weiterer Vorträge begeistert, wie Jobs-to-be-Done von Stefan Freimark, der das Big Picture zum Einsatz von Job Stories liefert oder TV is not dead von Ron Heussen, der extrem spannende Einblicke in das Design von Multiscreen-Erlebnissen für Swisscom TV2.0 geboten hat – und das wohl als einziger Vortragender aus Firmensicht. Besonders beeindruckend war die Suche über Spracheingabe, die eigens für die Schweiz mit allen Dialekten und Sprachen implementiert wurde.

Mein persönliches Fazit

Letztendlich sind es wohl drei Fragestellungen, die aktuell besonders wichtig werden oder immer noch sind:

1. Wie kann man bei personalisierten Angeboten sicherstellen, dass die User Experience ein realer Mehrwert für den Nutzer ist (Serendipity, Trust, Transparency usw)?

2. Wie kann ich generell das Verhältnis zwischen Aufwand und Leistung aus Nutzersicht so optimieren, dass Konversion und User Experience Hand in Hand gehen, auch kanalübergreifend?

3. Wie kann man in agilen Projekten eine holistische User Experience effizient sicherstellen?

und übergreifend: Super Konferenz, ich freu mich schon aufs nächste Mal!

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