re:publica 2014: „Content is king“ mal anders

Entrüstete Message der größten Social-Media-Konferenz Europas: Das Internet interessiert uns eigentlich nicht. Warum das so ist, was das Internet mit unseren Bürgerrechten zu tun hat und wer es überhaupt wozu nutzt – Antworten und Lösungsvorschläge gab es auf der re:publica 2014.

Meine re:publica 2014 startete mit einer Aufforderung am Abend zuvor: „Give people your love, don’t give them your like.“ In Look Up erklärt Gary Turk, wie wir zu viel Zeit am Handy verbringen und dadurch an der Realität vorbei leben. Eine eher kontraproduktive Einstimmung auf eine dreitägige Internet-Konferenz.

Umso erstaunter war ich über den Vortrag von Sascha Lobo. Seine provokative These: das Internet interessiert uns eigentlich nicht – weder so sehr, wie wir tun, noch so sehr, wie es das sollte. Gemessen an unseren Spenden für Online-Aktivisten interessiert es uns eigentlich überhaupt nicht. Dennoch glauben wir, uns massiv für das Internet einzusetzen. Wir twittern eine Petition und glauben, damit unseren Teil zu einer besseren (Netz-)Gesellschaft beigetragen zu haben. Doch die Realität ist wichtiger, als ein virtuelles Like; die Entscheider leben und denken offline. Lobo ist wütend: „Organisiert euch, strukturiert euch, vernetzt euch. Und gebt vor allem Geld und (…) baut Finanzierungskonzepte dafür, dass andere Leute Geld geben!“ – damit die „Netzgemeinde“ zu einer echten Lobby für ein freies, offenes und sicheres Internet und damit für eine freie, offene und sichere Gesellschaft wird.

*** Wer sich trotz Snowden und Heartbleed gerade fragt, warum es überhaupt notwendig sei, sich für das Internet einzusetzen, dem seien die Rede zur Lage der Nation von Sascha Lobo und die Heise NSA-Skandal-Timeline ans Herz gelegt. ***

Sascha Lobo bei re-publica 2014

Überhaupt war Aktivismus dieses Jahr das grosse Thema. Es gibt keinen Grund, nicht dabei zu sein – egal bei was, Hauptsache tun! Bisher dachte ich als Netzgesellschaft-Laie tatsächlich, die ganze Diskussion über Datenschutz im Internet ginge mich nichts an. Auch gekauften, ‚gefakten’, online-ad-nervigen, abgehörten und zensierten Content hielt ich bislang für eine paranoide Empfindung notorischer InternetExplorer-Update-Verweigerer. Lobos Wut darüber kann man ihm nicht verübeln, denn ich bin offensichtlich nicht die einzige, die das Thema Sicherheit im Netz bislang für eine vorübergehende Randerscheinung gehalten hat. Ob deswegen nun jeder zum Online-Aktivisten mutieren muss? Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen.

Sollten wir uns als mündige Bürger und angeblich kluge Menschen nicht an der politischen und gesellschaftlichen Diskussion beteiligen, wenn es uns schon so leicht gemacht wird, indem sie direkt auf unsere online-fähigen und mobilen Geräte kommt? Die re:publica hat aufgezeigt: Partizipation im Internet beruht auf unseren Bürgerrechten – Recht auf freie Meinungsäusserung und Zensurfreiheit, Recht auf Privatsphäre und Datenschutz – und hat deshalb ganz viel mit Gesellschaft zu tun. Doch auch: das Internet wird unterschätzt. Es ist nicht einfach ein weiteres Medium, denn es geht mit seinen Möglichkeiten massiv über alle anderen Medien hinaus. Längst ist es die entscheidende Waffe im weltweiten Informationskrieg und wird zunehmend zu einer zweiten Realität. Wenn sich  die Gesellschaft langfristig ins Internet verlagert, müssten sich die Unternehmen in ihrer Online-Kommunikation nicht auch langfristig anpassen, anstatt nur auf Werbung und Abverkauf zu setzen?

Holm Friebe bei re-publica

Je länger die Konferenz dauerte, desto bewusster wurde mir, wo ich mich da aufhielt. Nur wenige Unternehmen trauten sich dorthin, vor allem weil die Leute und Themen (Blogging, Internet, Medien, Gesellschaftspolitik, Aktionismus) für sie uninteressant sind. Es geht bei der re:publica um die Menschen und nicht um Unternehmen. Und so stellte ich plötzlich überrascht fest: Das Internet ist viel mehr, als die Websites, die wir dafür entwickeln. Und: dort passieren Inhalte! Auch von Unternehmen. Aber auch von Autoren, Journalisten, Bloggern. Von interagierenden Lesern. Und dabei geht es nicht um die romantische Vorstellung der Grosskonzerne und ihrer Agenturen, dass irgendein User mit irgendeinem Brand interagieren möchte. Es gibt keine User, es gibt nur Menschen – sogar im Internet.

Re-publica 2014

Das Motto „Into the wild“ klang für mich zunächst nach den unbegrenzten Möglichkeiten des Internets; stattdessen stimmt mich die re:publica zum Abschluss nachdenklich und wirft mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Gibt es tatsächlich eine digitale Gesellschaft? Spielt sich der weltweite Informationskrieg tatsächlich im Internet ab? Und was passiert mit den Unternehmen, die glauben, das Internet sei nur dazu da, um sich möglichen Käufern präsentieren zu können? Ist das Internet viel mehr als das? Benutzen wir das Internet gar falsch?! Und gibt es Themen, die vielleicht wichtiger sind, als Lifestyle-Blogs und ein paar gute Websites für ‚böse’ Unternehmen?

In diesem Sinne: „Liking isn’t helping. Be a volunteer. Change a life.“ (www.crisisrelief.org)

Crisis Relief war

3 Gedanken zu “re:publica 2014: „Content is king“ mal anders

  1. Endlich wieder mal ein kritisches Hinterfragen des Mediums, aktive Beiträge statt bloss passiver Konsum.
    Wenn die Republica Fragen aufwirft anstatt nur Antworten zu liefern finde ich das einen Schritt in die richtige Richtung. Danke für den Beitrag!

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>