Mobile Business Blog-Serie – Die Mobile Website der Stadt Zürich: Umsetzung (Teil 3 von 3)

«Wäre ich Typograph, so könnte ich nicht mehr ruhig schlafen!» begrüsste mich Patrick Rossbund an diesem Morgen neckisch. Das neue Windows Mobile 7 Betriebssystem war endlich hier, aber die Menschentraube um meinen Schreibtisch herum versprach nichts Gutes. Eingebettete Schriften anzuzeigen war für Android und Apfel-Telefone kein Problem, jedoch nicht so für das neue Windows Phone. Wie konnten wir auch nur so naiv sein und dies erwarten?! Unser Konzept basierte auf der Helvetica Condensed Schrift und nun standen wir vor diesem «Scherbenhaufen». Zum Glück hatte Philipp Fleckner den Mut, auszusprechen, was ich nicht zu denken wagte: «Lass uns die Arial Narrow ausprobieren!» Wie aus dem Nichts traf mich dieser Schuss ins Bein und mein Stolz stürzte zeitgleich zu Boden. Alternativen gab es keine, ausser das ganze Konzept über den Haufen zu schmeissen, und das nur wegen eines einzelnen Betriebssystems? Ist es nicht eine Frage der Zeit, bis auch Windows Schrifteinbettung in mobilen Browsern unterstützt? Ich behaupte: Ja, und mit Windows Phone 8 sollte es angeblich dann auch möglich sein. Und so kam es, dass wir die Neue Helvetica Condensed für Andriod und iOS einsetzen, und die Arial Narrow als Fallback für die Windows Phone 7 Betriebssysteme.

iOS, Android und Windows

iOS, Android und Windows

Das Konzept sollte nicht nur für die Stadt Zürich, sondern auch für die Marken EWZ (Elektrowerke Zürich) und VBZ (Verkehrsbetriebe Zürich) ableitbar sein. Während wir für die EWZ das CSS anpassten, und kleine Details wie den Sparrechner einbauten, war es bei der VBZ etwas komplizierter. Es gab strenge Corporate Design-Richtlinien und ein starkes Bewusstsein, die Marke VBZ zu positionieren – soweit nichts neues für uns Gestalter. Mein Schuh drückte aber an einem ganz anderen Ort – denn ich hatte so etwas wie Liebeskummer.

Stadt Zürich, EWZ und VBZ

Stadt Zürich, EWZ und VBZ

Seit längerem hatte ich ein Auge auf den Tram-Fahrplan der Stadt Zürich geworfen und unter dem Stern des Mobile-Kontextes pochte mein Herz plötzlich wie wild. Impulsiv forderte ich den Fahrplan zum Tanz auf – heute bin ich mir nicht mehr sicher, wer wen (ver)führte. Der Fahrplan als idealer Anwendungsfall für das Zusammenspiel von Ort, Mensch und Zeit für die Stadt Zürich. Ungefragt entwarfen wir einen Prototypen, und als Patrick Stürcken etwas später mit dem Graphikdesign um die Ecke kam, war es um mich geschehen. Mit Schmetterlingen im Bauch tanzten wir zum Kunden und alle waren begeistert. Aber zu aufwendig wäre die Umsetzung gewesen, weshalb meine Schmetterlinge ratlos waren. Ich fühlte mich wie Romeo und Julia zugleich. Julia sehe ich nun in jedem Tram an mir vorbei quietschen. Eines Tages wird sie aussteigen, bis dahin schreibe ich ihr Briefe, wie diesen hier.

Entwurf des Fahrplanes

Entwurf des Fahrplanes

Ein gute Ablenkung waren die Kartendienste für die Website. Wie ein kleines Kind wollte ich nicht verstehen, warum wir nicht einfach die Karten-Applikation auf dem jeweiligen Gerät verwenden, um dem Benutzer das in die Hand zu geben, was er kennt und versteht. Der Kartendienst der Stadt Zürich ist zwar nicht interaktiv, dafür aber viel präziser und vor allem der erste Schritt in eine nachhaltige Zukunft. Aber nun, da Apple mit der eigenen Karten-Lösung am Horizont auftauchte und es plötzlich in meiner eigenen Wohnung eine Bar und ein Geschäft zu finden geben soll, bin ich irgendwie erleichtert, dass wir die ZürcherInnen mit diesem Kartendienst nicht fälschlicherweise in den Zoo anstatt zur Letten-Badi führen.

Es ging langsam auf die Zielgerade zu, und ausgerechnet unser Steckenpferd, das «Bookmarking» zickte rum. Hat es im «Labor» doch so gut funktioniert und nun schmerzt es in freier Wildbahn unter Windows und Android so sehr! Die Ausnahmen wurden zur Regel. Alexander Maier und Adriano Segalada bekamen jedoch auch dies in den Griff, wie auch jede einzelne Baustelle zuvor. Gerne möchte ich hier unterstreichen, dass es für einen Designer tabu sein sollte, ohne Entwickler im mobilen Entwicklungsumfeld herumzulaufen. Überall lauern Gefahren und Schlaglöcher, was das Gestalten umso attraktiver, aber auch gefährlicher macht. Entwicklung für mobile Endgeräte verlangt ein gewisses Mass an Abenteuerlust, Unternehmertum und Mut, oder wie Jean-Baptiste Charot (Entdecker, 1867-1936) sein Schiff nannte: «Pourquoi pas!» (Zitat Patrick Comboeuf, Director E-Business, SBB)

Bookmarking in der Anwendung

Bookmarking in der Anwendung

Und genau diesen Mut hat die Stadt Zürich mit der mobilen Website bewiesen – nicht das zu tun, was jeder kann, sondern herauszuschälen was für mobile wirklich zählt: schnörkellose Reduktion. Interaktionsdesign ist das Resultat eines ganzen Teams, und dazu gehört insbesondere der Kunde und die Projektleitung. Deshalb vielen Dank an das ganze Projektteam der Stadt Zürich und Namics, und vorallem an Jürg Stuker, der uns festhält, wenn es auf hoher See ungemütlich wird.

Danke.

 

Dieser Post ist Teil der folgenden Serie:

Ideen (Teil 1)
Konzeption (Teil 2)
Umsetzung (Teil 3)

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