Wow. South by Southwest Interactive (SXSW) ist vorüber. Das ist eine riesige Internet-Konferenz in Austin / Texas. Vier Tage, 180 Panels und Core Conversations. So bleibt es nicht aus, dass man sich selbst nach einer vorhergehenden Filterung immer noch zwischen 2-6 interessanten Vorträgen entscheiden musste. Andererseits haben so alle Teilnehmenden ihr ganz persönliches Erlebnis von dieser Konferenz. Meine wichtigsten Erkenntnisse daraus möchte hier teilen.
Der erste Tag begann für mich mit einem Vortrag von Jonathan Boutelle (Slideshare) über Dinge, die er über Flash und Rich Internet Applications (RIA) gelernt hat. Für ihn waren Popups stets ein Zeichen von schlechter Prozessgestaltung: Popups ersparen dem Designer, sich Gedanken zu machen, wohin Menschen nach dem Ausfüllen eines Formulars gelangen. Popups jedoch stellen einen Modus dar, die Benutzungsweise der Website verändert sich radikal. Und wir alle wissen: Modi sind böse. Lightboxes sind nichts anderes als Popups 2.0, also in Wahrheit ebenfalls oft überflüssig. Wir sollten also lieber das Problem an der Wurzel packen und uns Gedanken über die Prozesse machen. Slideshare beginnt zum Beispiel unmittelbar, Präsentationen hochzuladen, sobald ein User eine Datei ausgewählt hat. Danach wird der Nutzer durch den Prozess geführt, verschlagwortet seine Präsentation, wartet, bis sie in Flash umgewandelt ist, fertig.
Nebenbei bemerkt kann naives AJAX den Server töten. Slideshare hatte eine im Prinzip statische Startseite mit zwei personalisierbaren Bereichen. Um Server-Performance zu sparen, hatten sie die Startseite gecacht und die dynamischen Bereiche per AJAX nachgeladen. Neben der sichtbaren Verzögerung für den User hatte das aber den Nebeneffekt, dass der Server statt einer Anfrage immer mindestens drei parallele beantworten mussten. Nicht gut. Und selbst wenn man eine tolle, vielleicht sogar ganz sinnvolle Lightbox geschaffen hat, brauchen User URLs. Wenn jemand fragt, wo er seine Nutzerdaten ändern kann, möchte man nicht wirklich sagen: gehe auf diese Seite, drücke auf diesen Link, wechsele auf den Reiter, und dann erst ist da das Formular, das du brauchst.
Ziemlich genial waren auch Richard Rutter und James Box von Clearleft aus Brighton mit ihrem Vortrag über Wireframing 2.0. Kurzum können zweidimensionale Wireframes kaum Web 2.0-Anwendungen abbilden. Es fehlt einfach die vierte Dimension und die Aktion. Darum setzen sie sich zunächst interdisziplinär im Team zusammen, entwickeln Ideen, machen Skizzen auf Papier, nutzen Post-its. Doch dann bauen die Informationsarchitekten einen Clickdummy mit simplem HTML, ein wenig CSS und Effekten von jQuery. Dafür ist selbst Dreamweaver vertretbar. Dieser nicht-funktionale Prototyp braucht ein paar Tage, aber man kann sofort Prozessmängel erkennen, ihn für frühe Usertests nutzen, und der Kunde sieht etwas. „Etwas auszuprobieren ist oft billiger als langwierige Meetings, die beschließen, etwas auszuprobieren.“ Großartig war es, dies in der Praxis zu sehen mit der Fake-Community „ElfCartel“. Ich liebe das Profilfoto von „Amidactio“ aka. „adactio“ aka. Clearleft’s Chef Jeremy Keith! Bei Clearleft wird wirklich keine Gelegenheit ausgelassen, sich übereinander lustig zu machen, und der CEO bildet da keine Ausnahme. Die verwendeten JavaScript-Bibliotheken für Design Patterns kann man übrigens bei PolyPage herunterladen.
Sich öfters zusammensetzen und reden sollten auch die Browserhersteller und -entwickler. Bei SXSW taten das Chris Wilson (Microsoft Internet Explorer Team), Charles McCathieNevile (Opera) und Brendan Eich (Mozilla). Nur Safari fehlte. Das alles sind motivierte Menschen mit viel Humor, die das Beste wollen. Allerdings gibt es bei der Implementierung von neuen Features und Bugfixes Prioritäten, und es liegt an jedem von uns, diese zu artikulieren und Gehör zu bekommen. Nun, Microsoft hat in der IE8 Beta, die es seit einer Woche gibt, Support für Accessible Rich Internet Applications (ARIA) eingebaut. Jubel! Aaaaber, wie Anne van Kesteren (Opera) dazu bemerkt, Microsoft hat dazu gleich noch ein paar neue DOM-Attribute spendiert, die inkompatibel mit anderen Browsern sind. Charles McCathieNevile bestätigte, dass diese Änderungen des IE-Teams sinnvoll waren, weil sein Team bei der Implementierung der W3C Spezifikationen auf ähnliche Probleme gestoßen ist. Aber statt einem proprietären Alleingang – selbst in einer Beta-Version, die sich von dem finalen Produkt unterscheiden kann – wäre es besser gewesen, diese Probleme mit den anderen Browserherstellern gemeinsam zu lösen. Es ist ja nicht so, dass man keinen Kontakt untereinander hätte (aus dem Publikum kam der Vorschlag, dass Chris und Charles jetzt ja ihre Visitenkarten austauschen könnten. ;)
Ansonsten drehte sich auch dieses Panel um den mobilen Zugang: für mehr als eine Milliarde Menschen auf der Welt ist das Mobiltelefon die Alternative zum Desktop-Computer. Aber auch in den westlichen Ländern gewinnt der „dritte Screen“ an Bedeutung. Wie Charles es ausdrückte: „In den USA bedeutet mobiler Zugang, im Hummer herumzufahren. Aber in Japan bedeutet das, verschlafen an einer Handschlaufe in einer überfüllten Bahn zu stehen“. Wir reden nicht nur von den 3 Millionen iPhones. Allein im letzten Jahr wurde Opera Mini 40 Millionen mal ausgeliefert. Und eine Entwicklergruppe in Kopenhagen arbeitet an einer mobilen Version von Mozilla!
Als Randbemerkung seien zwei Fragen aus dem Publikum erwähnt: Für multiplen Fileupload und Statusdialoge über den Upload-Stand gibt es eine eigene W3C-Arbeitsgruppe, die eng mit der XMLHttpRequest-Gruppe zusammenarbeitet. Und an nativem Browsersupport für Video- und Audio-Inhalte arbeitet die HTML5-Arbeitsgruppe.
Bis das iPhone auftauchte, war mobiler Zugang in Europa ja immer ein wenig belächelt. Für einige unserer Kunden ist die globale Situation allerdings interessanter: Die Zahl der Menschen mit Telefonanschluss pro tausend Einwohner stieg von 2001-2005 in Ländern mit niedrigem Einkommen von 31 auf 113 (+265%), in Ländern mit mittlerem Einkommen von 260 auf 587 (+126%) und in Ländern mit hohem Einkommen von 1171 auf 1337 (+14%). Internet-Nutzung stieg in Ländern mit niedrigem Einkommen von 5 auf 44 (+780%), in solchen mit mittlerem Einkommen von 35 auf 114 (+226%) und in solchem mit hohem von 378 auf 523 (+38%). Das jetzt mal schnell mit den Bevölkerungszahlen von Indien, China und den anderen Ländern multipliziert… wo also können Global Player neue Märkte erschließen? (Quelle: World Bank Group, World Development Indicators 2007)
Und wo soll das alles hinführen? Programme wie eInclusion 2010 der Europäischen Kommission, das „One Laptop per Child“-Programm oder 50×15 werden dazu beitragen, die digitale Lücke zu schließen und Chancengleichheit zu bringen. Aber auch die Funktion des Mobiltelefons wird sich ändern. In Italien sind heute schon Video-Anrufe gängig, und in Kenya werden alte Telefone an Straßenständen für $12 zusammengelötet oder repariert. In ganz Afrika verwenden Menschen „Flash Calls“: einmal klingeln heißt „ja“, zweimal „nein“. Daraufhin wurde in Südafrika ein werbefinanzierter SMS-Service eingerichtet für „ruf mich zurück“, der heute 20 Millionen SMS täglich versendet. In Indien werden Videos via Bluetooth vertrieben (in Kuba auf USB-Sticks). Überall auf der Welt wollen Menschen kostenlose Features haben. Und die sollen wirklich einfach zu benutzen sein.
In einigen Städten werden bereits Location Based Services angeboten, per GPS oder Triangulation. Telefone werden mit Bewegungssensoren ausgestattet: der Anruf stört? Telefon einfach mit dem Screen nach unten legen. Telefone werden eine Menge von Wii lernen. Mit Handheld Stylesheets und Inhalten, die man unterwegs wirklich braucht, wird es dann schön hübsch und schlank. Durch Opera Mini oder Safari als Entwicklungsplattformen wird die Software-Entwicklung dramatisch günstiger, da nicht mehr auf gut 200 Plattformen getestet werden muss. Wir haben am iPhone gesehen, dass Mobiltelefone und Handheld Computer weiter verschmelzen, der Trend geht von Telefonnummern zu einer Web Architektur.
Und wenn wir dann alle schön ubiquitär erreichbar und global sind, braucht’s noch ein wenig Internationalisierung (internationalization – i18n). Jon Wiley erklärte Google’s Ansatz, Dinge universal zugänglich zu machen. Denn i18n ist weit mehr als nur Übersetzung. Inhalte müssen lokale Gesetze einhalten, das Marketing muss auf das Land abgestimmt, kulturell angemessen sein, und dann gibt es da noch technische Dinge wie Tastatur-Layouts, Währungs- und Datumsformate oder Besonderheiten für Schrift, die von rechts nach links oder in beide Richtungen geht. Zahlen zum Beispiel werden in arabisch und hebräisch von links nach rechts geschrieben. Trickreich, nicht wahr?
Auch meine eigene Core Conversation zusammen mit Gez Lemon zum Thema „Accessible Rich Internet Applications“ lief prima. Es gelang uns, einen Dialog mit dem Publikum anzustoßen. Und da die Autorin der W3C ARIA Working Drafts, die Programmiererin für ARIA in Firefox und Dojo sowie der Group Lead for Education and Outreach der Web Accessibility Initiative sich im Publikum befanden, war die Diskussion ein Kinderspiel. Dank des ARIA-Supports in Firefox 1.5+, Opera 9.5 und Internet Explorer 8.0 steht einem Einsatz in Projekten nichts mehr im Wege! Mehr dazu erzähle ich aber auch auf der Fachtagung „Einfach für Alle“ im Mai in Gelsenkirchen und bei der namics-Fachtagung zur Barrierefreiheit in Frankfurt voraussichtlich im Juni.
Abends hing ich dann mit Freunden vom Web Standards Project (WaSP) oder Barrierefreiheits-Experten ab (darunter die besagten Ladies des W3C), was dem ganzen noch den sozialen Glanz verlieh. Was ich sonst noch gelernt habe? Die Abendgarderobe in Austin ist etwas seltsam. Junge Frauen liefen in Röcken herum, die hier als Gürtel gelten würden. Mädels, Britney Spears ist kein gutes Rollenmodell, ehrlich! – Klimaanlagen zu hassen. Ich habe sieben Tage nur gefroren. – Leute zu lieben, die ihren Job richtig gut machen. Die Durchsagen in der U-Bahn von Washington ließen auf einen ausgeglichenen, eloquenten Menschen schließen (oder einfach auf gute Fassade), zurück in der Frankfurter S-Bahn dann ein mürrischer, monotoner Kerl, der seinen Job hasst. Der Tontechniker in Austin, den alle Vortragenden mit Vornamen kannten – Leute bemerken den Unterschied!