re:publica 2014: “Content is king” mal anders

Re-publica 2014

Entrüstete Message der größten Social-Media-Konferenz Europas: Das Internet interessiert uns eigentlich nicht. Warum das so ist, was das Internet mit unseren Bürgerrechten zu tun hat und wer es überhaupt wozu nutzt – Antworten und Lösungsvorschläge gab es auf der re:publica … Weiterlesen

The Sika Experience – und was wir daraus gelernt haben

Sika Experience

Gestern durften wir gemeinsam mit Melina Merkle von der Sika unser gemeinsames Projekt, die Sika Experience, auf der Social Media Conference in Hamburg vorstellen. (Der Vortrag wurde live und sehr schön Illustriert)   Eigentlich startete das Projekt bereits 2009 als Jubiläumskampagne … Weiterlesen

Drei Tage re:publica Act!on in Berlin

Die re:publica ist die größte Konferenz Deutschlands über Blogs, Social Media und die digitale Gesellschaft. Zum sechsten Mal fand sie dieses Jahr vom 2. bis 4. Mai in Berlin statt. Für mich ist es die dritte re:publica in Folge.

Nachdem es letztes Jahr im Friedrichstadtpalast und der Kalkscheune zu klein wurde, ist die Veranstaltung  in die 20.000qm große STATION-Berlin umgezogen. Laut Website des Veranstalters bot die re:publica mehr als 200 Stunden Programm in drei Tagen und acht Bühnen, 350 Redner aus über 30 Ländern sowie 4.000 Teilnehmer, vor Ort hatte ich sogar die Zahl 4.700 gehört. Alles kommentiert in über 63.000 #rp12-Tweets.

Im Folgenden möchte ich ein paar Informationen und Gedanken aus den Vorträgen und zur Veranstaltung mit euch teilen.

About Me – Die digitale Fassade

In ihrer Session über Identitätskonstruktion im Social Web erklärte Kixka Nebraska wie sich digitale Identitäten entwickeln und gezielt aufbauen lassen. Das alles gespickt mit zahlreichen Schaubildern, Studien und Zitaten.

Unsere Identität, das reale “Selbst” ist eine Schnittmenge aus Selbstwahrnehmung (What I think I am), Fremdwahrnehmung (What people think I am) und der eigenen Wahrnehmung wie andere uns sehen (What I think people think I am). Dieses Modell lässt sich sowohl für das Online-Ich als auch für das Offline-Ich heranziehen. Unterscheiden sich diese beiden Identitäten deutlich voneinander, bedeutet das in erster Linie Stress.

In der Regel unterscheidet sich das Online-Ich nicht wesentlich vom Offline-Ich, was in einer Studie der Universität Austin bestätigt wurde. Das Online-Ich ist eine Verlängerung des Offline-Ichs im Web. Eigentlich auch logisch, wer macht sich schon die Arbeit und den Stress zwei unterschiedliche Identitäten zu leben? Außer vielleicht Barney Stinson, der sich mit seiner Fake-Identität Lorenzo von Matterhorn Erfolg bei den Frauen erhofft (True Story).

Und wie kann man nun am besten seine Online-Reputation aufbauen? Diese Frage beantwortet Kixka mit Zitaten von Oliver Blanchard und Tom Scott: Konzentriert euch darauf Großartiges zu tun statt nur darüber zu reden.

The beauty of interaction

Patrizia Marti von der Universität in Siena stellte in ihrem Vortrag die Frage, wie Interaktionsdesign dabei helfen kann, Komplexität zu vermeiden. Die Antwort lieferte Patrizia anhand zahlreicher Beispiele studentischer (Abschluss-)Arbeiten.
Am besten hat mir das Abschlussprojekt Friendly Vending von Guus Baggermans gefallen. Bei herkömlichen Verkaufsautomaten erhält der Kunde sein Produkt indem er eine Nummer eintippt, Geld einwirft und im Anschluss meist bückend sein Produkt aus einem Schacht holt. Wie das Ganze in schön aussieht, zeigt Guus in seinem Projektvideo.

Ein Zitat aus der Präsentation fasst das Thema sehr gut zusammen:
“Beauty is not only in appearance. It is in interaction.”

Innovationslabore des Journalismus – wann springt der Funke über?

In der Session über den Stand und die Zukunft des deutschen Journalismus beleuchteten Dr. Leif Kramp und Dr. Stephan Weichert das Thema aus Sicht der Wissenschaft sowie Ulrike Langer und Alexander von Streit aus Sicht der Praxis.

Laut einer Studie der beiden Wissenschaftler ist das Internet in den Chefredaktionen großer Medien angekommen. Das Internet wird nicht mehr als Feind sondern als Freund des Journalismus angesehen. Dieses Kernergebnis scheint nicht sonderlich spektakulär, wer die deutsche Medien- und Journalismusbranche kennt, freut sich vielleicht trotzdem über die Nachricht.

Schaut man in die Praxis zeigt sich, dass aktuell nahezu keine innovativen Wege im deutschen Journalismus gegangen werden. Statt selbst auszuprobieren und zu experimentieren schaut man ins Ausland und adaptiert was dort funktioniert. Und was macht das Ausland? Ulrike Langer fasst die Erkenntnisse aus der Interviewreihe Zukunft des Journalismus wie folgt zusammen. Während die Medien in Deutschland oft denken, der Nutzer schreibe schlechte Inhalte, fragen Medien in den USA welche Rahmenbedingungen geboten werden können, um die Nutzerpartizipation zu verbessern. Sie merkt zudem an, dass in den USA die alten Hasen von den jungen lernen wollen und nicht umgekehrt, wie es in Deutschland der Fall ist. Studenten in journalistischen Studiengängen lernen nicht nur in Inhalte sondern auch an die Finanzierbarkeit zu denken. Bereits während dem Studium gehen sie raus und entwickeln eigene Geschäftsmodelle. In Deutschland besteht weiterhin Nachholbedarf, die Experimentierfreude muss wachsen.

Ein Experiment, auf das ich sehr gespannt bin und daher an dieser Stelle nennen möchte, ist die Rundshow, die gestern im Bayerischen Rundfunk auf Sendung gegangen ist.

Überraschungsvortrag von Sacha Lobo

Es ist schon fast Tradition, dass Sascha Lobo einen Überraschungsvortrag hält. Dieses Jahr ging es um den Stand des Internets 2012. Statt einem Startramp gab es dieses Jahr einen Startflausch, es gab wohl nicht ganz soviel zu schimpfen mit dem Publikum. Ganz im Gegenteil, dank den Internetpeople, wie wir uns seit diesem Vortrag nun nennen können, wollen die Internotpeople soviel vom Internet erfahren, dass Sascha gut verdient. Da darf auch mal ein bißchen gekuschelt und angebiedert werden.

Aber was hat er jetzt gesagt, der Sascha Lobo? Zu jedem der populären Social Networks etwas. Twitter entwickelt sich konzeptionell zurück und scheint zu einer App werden zu wollen, die vermutlich von Apple gekauft wird. Pinterest hat einen Wert von 2,4 Foursquare und Google+ ist irgendwie auch egal. Die nachwachsende Generation sieht er auf Youtube.

Doch das eigentlich Spannende, er hat 2012 zum Jahr der Blogs ausgerufen. Wie in seiner Kolumne “Euer Internet ist nur geborgt” plädiert er für den Aufbau eigener Websites und Blogs (Owned Media) statt sich nur auf den Aufbau von Profilseiten im Social Web (Sponsored Media) zu konzentrieren. Und er hat uns erinnert, dass wir weiterhin Wege finden müssen, 30 Millionen Internotpeople unser Anliegen zu erklären oder zumindest mit ihnen klarzukommen.

Der Vortrag von Sascha Lobo war durchaus unterhaltsam und hatte einige Highlights, ich sage nur Catcontent. Nachschauen kann man ihn bei Spiegel Online (Teil 1 & Teil 2).

Open Innovation

Unter dem Namen re:innovation war das Themenfeld Open Innovation mit einem eigenen Track vertreten. Zwei Vorträge hab ich mir angeschaut.

In der Session Open Innovation: Eine wirschaftliche Perspektive stellte Julia Leihener die Arbeitsweise des Creation Centers der Telekom Innovation-Labs in Berlin vor.

“Seeing what everyone else has seen and thinking what no one else has thought.” (Albert von Szent-Györgyi).

Besonders spannend fand ich den Ansatz Innovationen im Alltag zu schaffen, neue Produkte, Services und Funktionen, die den Kunden wirklich nutzen und von ihnen gewünscht werden. Dazu werden Ideen gemeinsam mit Experten aus Forschung und Wirtschaft sowie Konsumenten entwickelt. Diese Ideen fließen über die Produktentwicklung wieder in die Produkte selbst. Mich spricht dieser Ansatz sehr an, denn auch für mich sind Innovationen nicht zwangsläufig etwas noch nie Dagewesenes, sondern auch etwas das extrem gut und dabei vielleicht auch anders umgesetzt und weitergedacht wurde.

Gleich danach gab Stefan Lindegaard in seinem Vortrag Open Innovation: Insights into the buzz einen methodischen Überblick über das Thema. Nach ihm ist Open Innovation ein Buzzword zu dem es zahlreiche unterschiedliche Definitionen gibt. Aus seiner Sicht müsse jedes Unternehmen seine eigene Definition von (Open) Innovation finden. Dabei sind für ihn das Internet und Social Media Haupttreiber von Open Innovation.

Storytelling

Auch in diesem Themenbereich habe ich mir zwei Sessions angeschaut. Mit dem Aufruf “Stop taking photos start telling stories” starteten Ivan Sigal und Bjarke Myrthu in ihre Session New directions in visual storytelling. Nach einer kurzen theoretischen Einführung folgten einige Beispiele wie 18days in Egypt, Bear71 und Pinepoint.

In der Session Transmedia Storytelling: Missing in Action?” stellten die Macher des Transmedia Manifests ihre Thesen und Beispiele für transmediales Storytelling vor. Eines davon, die Kampagne zum Kinofilm The Dark Night.

Foodblogs – Verfall oder Rettung der Esskultur?

In einer sehr symphatischen und leckeren Runde sprachen Nicole Stich, Sebastian Dickhaupt, Stevan Paul und Vijay Sapre zusammen mit Inés Gutiérerz über Gegenwart und Zukunft deutscher Foodblogs.

Was ich neben Hunger und einer neu erweckten Lust auf Kochen aus der Session mitnehmen konnte, war ein guter Einblick in die Foodblogger-Szene, bei der sich der ein oder andere Aspekt sicher auch auf andere Blogs und Blogger übertragen lässt.

Ich habe gelernt, dass es den klassischen Foodblogger nicht gibt. Blogs werden oft wegen der Personen hinter den Blogs gelesen. So ist es wichtig seinen eigenen Stil und damit auch sein eigenes Publikum zu finden. Professionelle Foodjournalisten werden damit jedoch nicht überflüssig, da deren Expertise weiterhin gefragt sein wird. Oft sind Blogger auch Foodjournalisten und umgekehrt.

PR Agenturen beschäftigen sich nach wie vor zu wenig mit Bloggern und ihren Blogs, wenn sie diese für ihre Werbung und Kommunikation nutzen wollen. Viel zu oft werden Blogger für Werbung angesprochen, die gar nicht zum Blog passt. Erfolgreiche Bloggerrelations ist das nicht.

Ich habe ebenfalls gelernt, dass auf Rezepten kein Copyright besteht. Sobald Zutaten geändert werden, ist es ein Remix. Das heißt, einmal bezahlt zum Beispiel durch Kauf eines Kochbuches, gehören die Rezepte den Menschen. Verlage ärgern sich häufig, wenn die Rezepte kopiert werden. Für die Teilnehmer der Podiumsdiskussion ist es eher ein Glück, sie sind froh, dass man nicht “für jede Béchamel etwas abdrücken muss”. Werden Rezepte nachgekocht und darüber geschrieben, ist es eher eine Auszeichnung und ein Proof of Concept, dass die Rezepte funktionieren.

Und die Zukunft der Foodblogs? Das Einstiegslevel wird höher, neue Blogs haben es schwerer Leserschaft zu finden. Gleichzeitig professionalisieren sich die Foodblogs weiter, werden zu gestalteten Blog-Magazinen während die Kommunikation zunehmend in sozialen Netzwerken stattfinden wird. In der Aufbereitung der Inhalte sehen die Teilnehmer zunehmend Formate wie Videos und Podcasts. Ein Teilnehmer glaubt zudem, dass durch den wachsenden Verkauf von Lebensmitteln online, Foodblogs als Werbefläche attraktiver werden. Oder die Bloginhalte für Online-Shops und Websites.

Social Media Nutzung der Bundesregierung – Ein Interview mit @RegSprecher

Steffen Seibert twittert seit Ende Februar 2011 unter @regsprecher über die Arbeit der Bundesregierung. Im Interview erzählt er von seinen Twitter-Erfahrungen und den Social Media Aktivitäten der Bundesregierung, wie z.B. der Zukunftsdialog mit Kanzlerin Merkel, einer Plattform für Online-Partizipation. Statt einer Zusammenfassung empfehle ich euch das Interview einfach anzuschauen.

Im nächsten Jahr will Herr Seibert übrigens wieder auf die re:publica, diesmal als Zuhörerer. Vielleicht bringt er auch die Angela mit.

Made in my backyard

Die Session von Bas van Abel war mein persönliches Session-Highlight, da es mich am meisten zum Nachdenken angeregt hat.

Bas stellte einige Projekte der Waag Society vor, für die er arbeitet. Am meisten beeindruckt hatte mich das Projekt FairPhone, das zum Ziel hat konfliktfreie Telefone zu produzieren und das Projekt Low Cost Prosttehsis in Indonesien, bei dem Beinprothesen mit Bambusbauteilen entwickelt wurden. Die Prothesen sind zwar nicht so haltbar dafür wesentlich günstiger als Titanium-Prothesen. Das Design ist frei, die Prothesen können von den Betroffenen selbst gebaut werden.

Technologie wird immer komplizierter und es braucht Leute, die diese Technologien hacken und verstehen, so Bas von Abel. Man dürfe das nicht nur den großen Unternehmen überlassen. Diese Aufgabe haben sich FabLabs gesetzt, die einen offenen Zugang zu High-Tech-Maschinen für Privatpersonen bieten. In München gibt es übrigens auch eine Fablab. Das will ich mir unbedingt mal genauer anschauen.

Das Kulturprogramm

Auch kulturell hatte die re:publica einiges zu bieten. Am zweiten Tag wurde der Silberne Rettich für das schlechteste deutsche Webvideo 2012 verliehen. Mein persönlicher #Fail-Favourit für das angesprühte Gemüse war ja “Tübingen, warum bist du so hügelig”. Am Ende hat das Video BMW Praktikum Rap die meisten und lautesten Buhrufe erhalten. Und ja, das Video ist s…eltsam, aber ich finde es nach wie vor nicht schlecht, dass BMW das von Praktikanten erstellte Video online gestellt hat. Ganz ehrlich, wieviele Konzerne trauen sich das?

Weiteres kulturelles Highlight war der Peotry Spam, so unterhaltsam und erotisch wurden Spammails selten rezipiert. Und es zeigt, auch Spammern sollte man ab und an antworten, der Spaß ist garantiert.

Online trifft sich offline. Mein Fazit.

Manche werden sich fragen, warum sich Internetpeople offline treffen, wo sie doch das ganze Jahr über online vernetzt sind. Eigentlich ist es ganz einfach. Weil der persönliche Kontakt trotz allem Digitalen nicht an Relevanz verloren hat.

Ein Klassentreffen ist die re:publica lange nicht mehr. Das Bild der fleischgewordenen Twitter-Timeline trifft jedoch immer noch zu, mit dem Unterschied, dass man sich dieses Jahr hätte besser verabreden sollen.

Die re:publica ist und bleibt ein guter Treffpunkt um sich mit Gleichgesinnten auszutauschen und den ein oder anderen Gedanken aus den Vorträgen mitzunehmen. Gleichzeitig fehlte mir dieses Jahr ein Speaker-Highlight. Aber richtig schlimm ist das eigentlich nicht, sind es doch die Menschen und Gespräche die das Besondere der re:publica ausmachen.

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