Seit der Erfolgswelle von Facebook, Twitter und Co. sinken die Aktivitäten auf den Blogs. Weniger Beiträge, weniger Kommentare – Führt der Social Media Trend zum Aussterben der Blogs?
Lomo Portrait – “Felix in Facebook”
Facebook gibt Vollgas. In der jüngeren Vergangenheit hat Facebook Web 2.0 Konzepte kopiert, die gute Akzeptanz gefunden haben. Von Twitter stammt die Idee mit den Status Updates, von Gowalla und Foursquare die Idee zu Plazes, den Geolocation Updates. Wird es diese Dienste früher oder später verdrängen? Wir werden es sehen.
Trend – Direkt publizieren von unterwegs
Fakt ist, dass den Bloggern eine Flut von neuen niederschwelligen Instrumenten und Plattformen zur Verfügung stehen, um Inhalte, Gedanken, Fotos, Videos und Links zu veröffentlichen. Die zunehmende Miniaturisierung von HD Foto- und Videokameras, die erstmals einigermassen akzeptablen Datenkosten für Mobiltelefone und die wachsende App-Welt machen die Handys zu mobilen Produktionsstudios. Viele Inhalte können bereits von unterwegs erstellt und publiziert werden und benötigen keinen Umweg über den PC zu Hause. Das Blog ist nicht länger die Plattform Nummer eins. Ein kurzer Gedanke, ein Youtube Video, ein spannender Artikel waren bis vor kurzem noch einen Blogpost wert. Heute bieten sich andere Plattformen an, Kleinstinhalte schneller und effizienter zu veröffentlichen und zu teilen.
Die Qual der Wahl
Wo soll ich nur meine Inhalte veröffentlichen oder sogar gleichzeitig auf verschiedenen Plattformen wie Facebook, Twitter, Tumblr, Flickr, Youtube, Foursquare? Jeder entwickelt so seine eigene Strategie, welche Plattformen er zu welchem Zweck einsetzt; von den banalen Status Updates über die nervigen Checkins bis hin zum elaborierten Fachartikel. Für den ambitionierten Blogger und Social Median stellt sich nun eher das Problem, wie alle diese Aktivitäten wieder gebündelt und überschaubar dargestellt werden können. Und da bieten sich das Blog und Facebook wieder sehr gut an.
User Generated Content hebt ab
Wir reden schon einige Jahre über Web 2.0 und User Generated Content. Aber richtig in Fahrt kommt das Thema erst dank Facebook, iPhone bzw. Digitalkameras in den Handys. Es sind nicht nur mehr die Blogger, die Inhalte produzieren sondern auch viele Privatpersonen, die sich eigentlich gar nicht bewusst sind, dass sie Teil der Medien werden und dass sie Inhalte „produzieren”. Schon ein Status Update ist Content. Vor allem aber Digitalfotos, Videos und nicht zuletzt eine Link Empfehlung ist ein Beitrag für die (Teil-) Öffentlichkeit. Privatpersonen werden zu Inhaltsproduzenten für ihre Freunde und Leser, die nun selbst entscheiden, ob sie Inhalte auf den Online Newsplattformen, Papier oder eben aus ihrem Freundesnetzwerk lesen.
Die Medien entdecken die Blogs und Social Media
Aber auch die Medien entdecken Blogs und User Generated Content und haben diesen zu einem integralen Bestandteil der Online Plattformen werden lassen. Die NZZ hat einige Blogs integriert. So gut, dass man fast nicht mehr merkt, dass es sich um Blogs handelt. Der Tagi hat mit dem Mammablog oder Sweethome erfolgreich zwei schöne Themenblogs lanciert und belässt diese in blogtypischer Form.
Andererseits nutzen die Verlagshäuser Social Media, Blogs und Twitter bewusst als Echtzeitquellen (auch wenn sie es mit der Nennung der Quellen nicht immer ganz so genau nehmen). Ein weiteres Phänomen: Es vergeht kaum eine Woche ohne Beiträge von „Leserreportern”, die Zeugen von Unfällen oder Demonstrationen werden und umgehend Bilder oder Videos an die Redaktionen übermitteln. Der Leserreporter ist offenbar salonfähig geworden.
Mit einer gewissen Genugtuung stelle ich fest, dass sich die Diskussion „Blogger vs. Journalisten” weitgehend erledigt hat. Schlussendlich zählen der Inhalt, die Relevanz, die Aktualität und natürlich die Qualität unabhängig davon, ob der Inhalt von einem Journalisten, einem Blogger oder einem Twitternutzer stammt. Ein weiterer Beweis: Blogger landen vermehrt auf den PR Verteilern und werden gleichberechtigt und gleichzeitig mit Journalisten mit Informationen versorgt und zu Presseevents eingeladen.
Weniger ist mehr
Es ist nicht nur gefühlt. Die Anzahl aktiver Blogs und die Publikationsfrequenz nehmen ab. Nur glaube ich nicht, dass es sich dabei um Blogsterben in Raten handelt, sondern um eine qualitative Konsolidierung. Die Blogs die bestehen bleiben, haben oftmals eine Nische besetzt, die nicht mehr von den Medienhäusern abgedeckt wird oder eine ausserordentlich hohe Fachkompetenz auf einem bestimmten Thema.
Für diese Blogs sind die sozialen Netzwerke und neuen Plattformen denn auch weniger eine Gefahr, sondern effektive Marketinginstrumente. Das Einbinden von Videos, Facebook Buttons, Flickr Slideshows, e-Papers oder Slideshare-Präsentationen machen Blogposts attraktiver, multimedialer und sind gleichzeitig Multiplikatoren. Das gezielte Publizieren der Blogposts auf Facebook und Twitter erhöht die Reichweite, die Leserzahlen und viel wichtiger noch: es ermöglicht den Dialog mit Lesern, die sonst nicht unbedingt Blogs lesen würden. Also wäre der passende Titel eher „Facebook enables the Blogger Star” gewesen…
Diesen Beitrag habe ich für die aktuelle Ausgabe des WordPress Magazins geschrieben als schriftliche Ergänzung zum meinem Vortrag am Blogcamp Switzerland.
Vortrag am Blogcamp Switzerland









Gefühlt würde ich sagen, dass die Post-Frequenz immer noch die selbe ist wie zu Anfang beim ApfelBlog.ch. Klar gibt es Zeiten bei denen es mal mehr und mal weniger ist. Im Schnitt würde ich aber behaupten, haben die anderen Kanäle wie Flickr, Twitter, Facebook und Co. mich nie daran gehindert meine Leserschaft mit neuen Beiträgen zu versorgen… Im Gegenteil, die sozialen Netzwerke sind super Möglichkeiten neue Leser zum Blog zu bringen.
“Die Blogs die bestehen bleiben, haben oftmals eine Nische besetzt, die nicht mehr von den Medienhäusern abgedeckt wird oder eine ausserordentlich hohe Fachkompetenz auf einem bestimmten Thema.”
Das wäre zu hoffen. Aber auch in weniger kleinen Nischen werden die bleiben, die wirklich aus purer Leidenschaft recherchieren und schreiben.
Blogs, die nur Youtube-Filme posten, sind bei Facebook wirklich besser aufgehoben.
Oder wie ich es gerne formuliere:
Es haben schon immer weniger Leute ernsthaft Tagebücher geführt und Fanzines gemacht als an Toilettentüren geschmiert
Liebe Grüße,
Sebastian
Nein, das Blogs aussterben, denke ich auch nicht. Den Gedanken der Konsolidierung aber teile ich. Was jedoch deutlich abnimmt, beziehungsweise sich verlagert, sind die Kommentare. Sobald ein Artikel auch, sagen wir, auf Facebook gepostet wird, kann es eben passieren, dass die Diskussion dort und nicht mehr auf dem Blog stattfindet. Ob das nun gut oder schlecht ist, ist eine andere Frage (Schließlich ist Facebook nur zum Teil Öffentlichkeit). Spannend finde ich tatsächlich, dass die verschiedenen Inhalte (Artikel, Tweets, Checkins, Bilder, Videos etc.) an verschiedenen Orten im Netz in unterschiedlichen Konstellationen wieder zusammengeführt werden. So besteht ein Blog ja oft nicht nur aus Text, sondern über Plugins eben auch aus anderen Inhalten. Insofern haben Twitter und Facebook uns vielleicht erst so richtig aufgezeigt, was Vernetzung wirklich bedeutet.
guter überblick über den stand der dinge. danke dafür.
dass sich die diskussion blogger vs. journalisten weitgehend erledigt hat, sehe ich nicht ganz so. vielleicht ist die diskussion etwas weniger gehässig und nicht mehr gar so omnipräsent, aber sie ist noch da und es gibt immer noch viel zu viele journalisten, die blogs und das ganze andere online zeugs als des teufels betrachten.
was mir auch auffällt: die neuen, von journalisten gegründeten portale (journal21, neuland, etc.) gehen doch etwas gar minmalistisch an den start und scheinen von den möglichkeiten der verschiedenen plattformen noch etwas überfordert.
@renato Du bist ja einer der Vorzeige Blogger und Paradebeispiel dafür, wie sich Social Media als Multiplikator einsetzen lässt.
@sebastian Das Kapitel “Motivation” fehlt hier noch irgendwie. Darüber möchte ich demnächst ausführlicher Schreiben. Im Sinne von “digitales Schulterklopfen”…
@trotzendorff Wenn man es einmal akzeptiert, ist die Diskussion in Facebook statt in den Kommentarspalten ganz ok. Man erreicht sogar Zielgruppen ausserhalb der gewöhnlichen Blogleser.
@bugsierer. Merci schön für die Blumen. Stimmt schon. Die Journi/Blogger Situation habe ich polarisierend formuliert. Aber mindestens ist das Format in den Medienhäusern angekommen. Ob es die “Eingefleischten” nun goutieren oder nicht…
@Ralph: Hui, jetzt werde ich aber ein bisschen rot… =)
Sehr spannender Artikel. Fasst ganz gut die aktuellen Entwicklungen zusammen. Bei “twenty.twenty – Exploring the Future” beschäftigen wir uns diesmal übrigens mit einem ähnlichen Thema, nämlich mit Medienproduktion und Mediennutzung im Jahr 2020. Wir werden im Rahmen dieser Veranstaltung auch wieder zu einer Blogparade aufrufen, die sich um das Thema. Vielleicht besteht ja Interesse auch dazu etwas zu schreiben. Mehr Infos dazu gibt es unter http://www.twentytwenty.at
“Weniger ist mehr”, da hab ich aufgehört zu lesen, denn es ist zuviel. Dein Leadtext ist schon sehr reisserisch, Ralph. Und ich müsste jetzt den ganzen Beitrag gelesen haben um einen sinnvollen Kommentar zu schreiben.
Hier halt mal unqualifizierter Content:
Sterben tut niemand, ausser er verweigert sich den andauernden, grossartigen Veränderungen.
PS: Ich durchbreche bald die Millionenmarke (Pageviews pro Monat auf meinem Blog) dank Social Media.
Hallo, danke für den interessanten Post. Die Teilnehmer einer Schulung zum Thema Corporate Blogs, die ich neulich an der BAW in München gegeben habe, zogen genau zu diesem Thema im Anschluss folgendes Fazit: Facebook ist wie die “Bild” und Blogs sind wie die “Zeit”. Das fand ich ziemlich treffend. Die Aussage, die dahinter steckt, lautet: Blogs nehmen sich in der Regel mehr Zeit, ein Thema zu beleuchten, und sie werden eher gelesen als kommentiert. Facebook ist viel schnelllebiger, mehr für das “Socializen” und “Kleinstinhalte” geeignet, als für tiefschürfende Ausführungen und Gedanken. Diese unterschiedliche Dynamik sollten Unternehmen kennen, bevor sie sich in das Abenteuer Social Web stürzen. Sie sollten sich darüber im Klaren sein, welcher Content am besten auf welche Plattform passt. Ich meine, für die zwanglose Publikation von Unternehmensinhalten eignen sich Corporate Blogs immer noch besser als Facebook. VG, Meike Leopold
Hallo,
interessanter Artikel. Ich muss Meike zustimmen. Dabei kommt mir jedoch der Gedanke, dass es sehr viele Menschen gibt, die Ihr Blog als persönliche Ausgabe der “Zeit” betrachten. Stimmt ja alles mit dem Content und der Reputation.
Im Kern geht es doch um Beteiligung und die kommt mir eindeutig zu kurz.
Eben, da muss man sich als Blogger jetzt wirklich keine Sorgen machen. Der Hype ist durch, wir befinden uns jetzt in einer reiferen Phase.
Ich denke, dass Blogs nicht nur kleine Nischen besetzen können. Das geht auch “in groß”, nicht nur integriert in übergeordnete Online-Auftritte anderer Medien.
Und ja, wenn Social Media jetzt mehr Kanäle abdeckt, kann das durchaus Vorteile für Blogger bieten. Wenn es weniger Kommentare direkt in Blogs gibt, ist das allerdings schon ein Verlust – selbst wenn ein Kommentar an anderen Orten viel Aufmerksamkeit bringen kann.
Die individuelle Strategie bei all den Möglichkeiten zu finden, ist allerdings eine große Herausforderung.