Da sind sie wieder, die Apokalyptiker und Integrierten, deren Dialoge mit verträglicher Regelmäßigkeit die Geschichte der Massenmedien bereichern. Dem aufgeklärten Leser ist diese Unterscheidung nicht fremd. Umberto Eco hat so die Vertreter der medienkritischen und medienschaffenden Zunft voneinander unterschieden (Apokalyptiker und Integrierte. Zur kritischen Kritik der Massenkultur).
Diese Woche reflektieren Chris Anderson und Michael Wolff beide Positionen in einem bemerkenswerten Artikel auf Wired. „Das Web ist tot” (genauer genommen: der Browser) stellen sie mehr oder weniger wehmütig fest. Für beide Autoren ist der Browser das Symbol einer individualistischen lean-forward Kommunikation, die durch Monopolisierung und Standardisierung von geschlossenen Systemen (Facebook und Apple) gefärdet ist. Zweispaltig stellen sie die Verantwortlichen gegenüber: uns selbst auf der einen Seite, das System (den Kulturkapitalismus) auf der anderen.
„It is the cycle of capitalism. The story of industrial revolutions, after all, is a story of battles over control. A technology is invented, it spreads, a thousand flowers bloom, and then someone finds a way to own it, locking out others. It happens every time
[ ... und wir sind froh, dass es uns die Monopolisten so einfach machen, denn wir sehnen uns so oft nach Standards und so selten nach Komplexität ...]
As much as we intellectually appreciate openness, at the end of the day we favor the easiest path.” (Chris Anderson)
„So it’s not shocking that Jobs’ iPad-enabled vision of media’s future looks more like media’s past. In this scenario, Jobs is a mogul straight out of the studio system.” (Michael Wolff)
So gesehen erscheint die Frage nach dem Verursacher der Lean-Back-Renaissance wie die Frage nach Henne oder Ei. Auch im monopolistischen Kapitalismus gehören immer mindestens zwei Faktoren dazu eine Situation zu schaffen: Angebot und Nachfrage.
Hinter den Spiegeln
Die Frage hinter dieser Diskussion ist dieselbe, wie die des medienkritischen Diskurses am Ende des letzten Jahrtausends: Welchen Wert hat individuelle Selbstbestimmung, Schaffenskraft und Kreativität gegenüber großen monopolartiger (Medien-)Unternehmungen, die zu einer fragwürdigen Nivellierung von Informationen und Möglichkeiten führen und gleichzeitig Abhängigkeiten schaffen, die auch den aufgeklärtesten Menschen in Unmündigkeit halten können.
Apokalyptiker warnen vor dieser Nivellierung und Unmündigkeit und bauen dabei beständig Widerstände gegen den kapitalistischen Fortschritt in seinem Lauf auf. Gleichzeitig gleiten die Integrierten mit systemkonformer Performance durch die schöne neue Welt und schaffen befreit von Reflexion einen Fortschritt nach dem Anderen.
Michael Wolffs Vergleich von Steve Jobs als einem Mogul aus dem Studio-System aus der Medien-Vergangenheit ist in dieser Hinsicht treffen, aber auch der Vergleich selbst entstammt einer Position aus der Zeit von One-Way-Massenmedien: in diesem Moment ist Wolff ein Apokalyptiker.
Dass nicht hinter jeder individualistischen Position ein so kluger Kopf steckt zeigt die aktuelle Diskussion über google Street View in Deutschland. Hier werden Biedermänner zum Sand im Getriebe und nehmen in der Tiefe des Sommerlochs eine apokalyptische Position ein.
Auch wenn fundamentalistische Kulturkritik aus der Mode gekommen ist, macht es in Anbetracht der oben beschriebenen Diskussionen durchaus Sinn, die Positionen von Apokalyptikern und Integrierten beizubehalten.
Das Modell erweitern
Die Entwicklung im Bereich der sozialen Medien führen neben den Polen von Apokalyptikern und Integrierten zu einer weiteren Unterscheidung, die von David White als Präzisierung des Begriffs „Digital Natives” eingeführt wurde, und von Peter Kruse in dem sehenswerten (!!!) Vortrag auf der re:publica 2010 eindrucksvoll veranschaulicht und empirisch gestützt wurde: die Unterscheidung in „Digital Visitors” und „Digital Residents”. Kruse sieht hier einen Diskurs unterschiedlicher Werte, der sich in der Frage unterscheiden, ob Menschen das Internet als gleichwertigen Kommunikationsraum in jeder Beziehung verstehen und nutzen.
Kruse sieht die „Residents” als Befürworter und Nutzer des sozialen Netzes und offener Standards, die Kontrolle und Hierarchien ablehnend. „Visitors” beschreibt er als Menschen, die in der Entwicklung und Offenheit des sozialen Netzes eine Gefahr sehen. Residents sind so gesehen eher Integrierte, Visitors eher die Apokalyptiker.
(Lesenswert unter diesem Aspekt das Gespräch zwischen Ilse Aigner und Sascha Lobo „Sie werden wieder überheblich” (http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,708305,00.html))
Fruchtbarer ist es jedoch Apokalyptiker und Integrierte als eigenständige Dimension zu betrachten- „Visitors” und „Residents” als eine weitere. Es ergibt sich eine Matrix mit vier Idealtypen, die sich auf Grund der oben beschriebenen vier Pole zuordnen lassen.
Es entstehen neben den oben beschriebenen vier Polen vier Typen, die im Folgen als Prototypen beschrieben werden:
Digitale Skeptiker:
Können sich dem Medium nicht ganz verweigern, beurteilen die Entwicklung jedoch generell kulturpessimistisch und nutzen das Internet nur so wie es gerade notwendig ist. (E-Mail, Nachrichten, Recherche) Street View ist ein guter Aufhänger neuen Medien die Grenzen aufzuzeigen.
Digitale Konsumisten:
Nutzen soziale Medien bestenfalls als „Flagge zeigen” aber nicht als Alternative zur alltäglichen Kommunikation. Orientieren sich an Standards, kaufen online ein, schauen Filme etc. Street View wird eine tolle neue Möglichkeit Informationen zu gewinnen.
Digitale Anarchisten:
Sind ausgesprochen aktiv in sozialen Medien und dem Mainstream gefühlt immer eine Plattform voraus. Bewerten geschlossene Systeme und Monopolbestrebungen negativ. Haben in der Regel kein iPhone und ihr Facebook Profil in den letzten zwei Monaten zunehmend vernachlässigt. Stehen Themen wie Street View nicht wegen der Privatsphäre sondern der Allgegenwärtigkeit von google skeptisch gegenüber.
Digitale Konformisten:
Neben alles was kommt und sind spätestens dann auf einer Plattform vertreten, wenn die im heute Journal einen Beitrag mit „früher war es mySpace und SecondLife – heute ist es …” einleitet. Konformisten streben nach Standards, Sicherheit und Kontinuität. Sie haben verstanden, dass ihre Privatsphäre online genauso sicher ist wie offline. Schnelle Konformisten haben Bilder aus ihrer Strasse schon längst an google und ihren Facebook Account gesendet.
Definitiv ins Blaue gedacht. Mir macht es grade Spaß meine Freunde, Mitarbeiter und Prominenz in die Schubladen zu stecken …









