Vor knapp einer Woche war ich auf der SightCity, Deutschland’s größter Fachmesse für Hilfsmittel für Blinde und Sehbehinderte. Einen Großteil der Stände nehmen digitale Vergrößerungswerkzeuge ein, aber es gibt auch bunte Tastaturen mit großen Buchstaben und Spiele mit Blindenschrift und vor allem: Informationen zu Screenreadern direkt von den Herstellern.
Wir haben sehr viele und große Kunden, die barrierefreie Seiten wünschen. Manche Dinge lassen sich am besten testen, wenn man sie vorlesen lässt. Nun haben wir aber recht viele Entwickler, und die marktführenden Screenreader wie Jaws und Window Eyes sind sehr, sehr teuer oder in der Demo-Version beschränkt auf ungefähr eine halbe Stunde. Nun macht es keinen Sinn, den Computer jede halbe Stunde neu zu starten, und nicht jeder möchte den Weg über eine Virtual Machine gehen.
Da wären Developer-Lizenzen sinnvoll, denn dadurch können Agenturen die Software ausgiebig testen mit dem Ergebnis, dass die echten Screenreader-Nutzer optimale Unterstützung erfahren. Nun gibt es anscheinend leider keine Lizenzen für Entwickler. Das Ergebnis wird sein, dass mehr und mehr mit den kostenlosen Open Source-Alternativen getestet wird, allen voran NVDA für Windows oder Orca für Linux. Wie bei jeder Software interpretieren die unterschiedlichen Screenreader aber Details unterschiedlich, so dass die Nutzer der kommerziellen Software das Nachsehen haben werden. Eigentlich kann das nicht im Sinne der Hersteller sein.
Wo sind die blinden Kollegen?
Eine andere Gelegenheit nahm ich auf der Messe wahr, mit Verbänden und Unternehmern über die Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen zu sprechen. Namics hat ungefähr 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, davon ungefähr 100 in Deutschland. Soweit ich weiß haben wir leider keinen einzigen schwerbehinderten Kollegen. Gut, ein paar Standorte sind nicht rollstuhlgerecht, weil das damals bei der Anmietung nicht bedacht wurde. Aber nun war ich auf einer Messe für Blinde und Sehbehinderte, für die wäre das doch kein Hindernis, oder?
Der rechtlich-bürokratische Aspekt ist zwar komplex, aber eher fördernd: in Deutschland muss von Unternehmen mit mehr als 20 Mitarbeitern, von denen nicht einer eine Schwerbehinderung hat, eine Ausgleichsabgabe gezahlt werden. Das wären bei Namics grob überschlagen 5 × €260 = €1300 im Monat. Wenn man Menschen mit Behinderungen beschäftigt, sinkt diese Abgabe. Zur Berufseingliederung gibt es staatliche Förderungen, die im ersten Jahr 70% des Lohns übernehmen, im zweiten 60% und im dritten Jahr 50%. Darüberhinaus übernimmt das Integrationsamt die Kosten für eine besondere Arbeitsplatzausstattung (Screenreader, Braillezeilen etc.) und gegebenenfalls die Kosten für eine Halbtagsstelle eines Persönlichen Assistenten: Nehmen wir an, unser neuer Kollege ist Consultant im Konzeptionsbereich. Er konzipiert barrierefreie Projekte und erstellt Angebote. Das kann er eigenständig am Computer. Wenn vertrauliche Ausschreibungsunterlagen aber nur in Papierform vorliegen oder ein Kundentermin auswärts ansteht, unterstützt ihn dabei der Persönliche Assistent.
Soweit klingt das alles sehr positiv, und an fachlicher Kompetenz mangelt es sicher auch nicht. Meine Gesprächspartner auf der Messe betonten aber immer wieder Dinge, die bei allen unseren Bewerbern ganz vorne in den Beurteilungskriterien stehen: soziale Kompetenz, und der Bewerber muss einfach zu uns passen. Als Consultant, der sicher auch Kundenkontakt haben wird, sollte ein einigermaßen gepflegtes Äußeres dazugehören. Manche Blinde und Sehbehinderte bekommen das sehr gut hin, andere haben da Defizite. Aber nun wiesen mich meine Gesprächspartner auch auf andere Details hin: manche wenden einem im Gespräch den Kopf zu, während andere konzentriert vor sich starren. Das irritiert ihr Gegenüber. Andere haben durch ihre Behinderung eher schwierige Persönlichkeiten, damit muss man umgehen können.
Alles nicht so einfach, aber ich glaube, in barrierefreien Projekten können wir von internem Wissen der Betroffenen profitieren – extern testen wir ohnehin schon mit Menschen mit Behinderungen. Ich wünsche mir Kollegen oder Kolleginnen mit Behinderung, die kompetent und nett sind und zu uns passen. Wo seid Ihr?
P.S.: Im Zuge unseres neuen Corporate Designs wird es auch einen Relaunch der Website und der Blogs geben, und mir wurde versichert, die seien dann besser zugänglich. Mir ist es peinlich, dass ausgerechnet dieses Blog keine vernünftige Überschriftenstruktur hat…









Welche hättens denn gerne?
Ich denke, überall wo Menschen leben und arbeiten gibt es auch deren Behinderungen. Von aussen und von innen sozusagen. Und wir alle haben im Laufe des Lebens eine solche. Mal weniger, mal mehr. Nur ist die Frage, ob man danach Mitarbeiter aussuchen sollte. Finde ich irgendwie auch diskriminierend. Ein Mensch sollte nach seinem Wesen, seiner persönlichen Entwicklung und seinen Fähigkeiten möglichst am passenden Ort sein. Aber dann hätten wir eine perfekte Welt. Daran arbeiten wir noch ;)
Su, ich stimme Dir voll zu, niemand sollte diskriminiert werden. Aber die Realität sieht leider anders aus: die Arbeitslosenquote bei behinderten Akademikern ist deutlich höher als bei solchen ohne Behinderung. Und wenn statistisch gesehen 10% der Bevölkerung eine Behinderung haben und 3% der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter schwerbehindert sind, dann müßten das bei Namics so zwischen 9-30 Mitarbeitende sein, nicht null. Ich finde eine Behindertenquote genauso sinnlos wie eine Frauenquote, da es nicht um die Quote, sondern um den Menschen geht, wie Du ja auch sagst. Aber offenbar gibt es in beiden Gruppen bei uns (und anderswo) noch Entwicklungspotential. Vielfalt ist eine Stärke, die wir fördern, aber hier noch nicht genug. Oder wie die Vulkanier sagen: „Unendliche Vielfalt in unendlichen Kombinationen“.
Ich denke vieles davon hat mit einer gewissen gesellschaftlichen Prägung zu tun und gerade in Deutschland ist der Umgang mit Menschen mit Behinderungen etwas sehr außergewöhnliches. Diese werden schon sehr früh in ihrem Leben von Menschen ohne Behinderungen getrennt , es findet keine soziale Normalität statt, kein Lernen mit Behinderung umzugehen.
Natürlich ist es für einen Mitarbeiter mit Kundenkontakt wichtig ein gepflegtes Äußeres zu haben, das gilt doch für jeden Kandidaten. Das müssen aber nicht nur Menschen mit Behinderung beigebracht bekommen, sondern auch welche ohne. Und vielleicht hilft eine Typberatung und Kommunikationstipps um das Fremdeln abzubauen, oder es wird immer ein (gleichberechtigtes) Team aus nicht-behindertem und behindertem Mitarbeiter los geschickt um dem Kunden den Umgang nicht nur zu zeigen sondern auch die Angst etwas falsch zu machen zu nehmen.
Ich denke es ist wichtig den Teufelskreis des Versteckens zu durchbrechen und das gilt gerade für Unternehmen, die Wert auf Barrierefreiheit z.B. von Webseiten legen, das stärkt die Glaubwürdigkeit.
Zweimal hatten wir einen Bewerbungsprozess für blinde Kollegen angestossen und je mit mehreren Interviews untermauert. Die Profile waren gut und gescheitert ist es beiden Male an unserer Einschätzung, dass wir zuwenig Struktur/Betreuung leisten können.
Wie Du weisst, sind unsere Arbeitsabläufe sehr schnell und der Fokus liegt mehr auf Eigenverantwortung als auf Vorgaben. Wir fühlten uns also nicht in der Lage, die Personen mit anspruchsvollen Aufgaben zu versorgen und die Ergebnisse einzubinden.
Soweit die Geschichte. Ob es heute anders wäre, weiss ich nicht. Schlussendlich brauchte ich aber einen Business Unit Leiter, der die Einbindung verantworten würde.
Ich denke auch, dass teilweise mehr Aufwand in der Einarbeitung und bei manchen Aufgaben erforderlich ist, darum war ich positiv überrascht von der Möglichkeit des Persönlichen Assistenten. Das war mir zuvor unbekannt: darum habe ich ja diesen Artikel geschrieben, damit bei Namics mehr Leute von den Möglichkeiten erfahren – und damit der Denkprozess für Bewerbende transparent wird. ;-)