@media ist eine zweitägige Web-Konferenz in London, die sich zeitgemäßen Themen widmet und bei der man die Chance hat, direkt mit Entwicklern von Yahoo, Mozilla oder Opera zu reden. Es ist immer ganz gut, einen direkten Draht zu haben.
Beeindruckt hat mich die Professionalität und Innovationsfähigkeit der BBC, die in einer Case Study aus dem Nähkästchen geplaudert hat. Interessant zu sehen, dass die von Yahoo! entwickelten Regeln zu Exceptional Performace inzwischen auch hier angekommen sind. Da ich die eher konservative deutsche öffentlich-rechtliche Medienlandschaft kenne, hat es mich überrascht, wie offen die BBC ist. Da gibt es eine Public Beta, bevor das neue Redesign der breiten Masse offeriert wird. Da gibt es eine dokumentierte API, mit der Dritte Material der BBC wiederverwenden können. Und BBC ist eine der Vorreiterinnen in Sachen Barrierefreiheit und Geräteunabhängigkeit (= mobile Nutzung) im Königreich.
In Design-Vorträgen liess sich Andy Clarke von Comic-Panels inspirieren, um Gewichtung und Dynamik in Websites zu bringen. Dan Rubin zeigte hingegen sehr detailverliebte Designs, bei der ich interdisziplinären Kommunikationsbedarf sehe. Zum einen sind zum Beispiel absichtlich hinzugefügte Störungen auf einer monochromen Fläche nicht sofort erkennbar. Dan will damit mehr Haptik, eine Textur erreichen. Wenn nun aber ein Entwickler diese Photoshop-Datei ohne Erklärungen bekommt, besteht eine grosse Chance, dass er die Störungen nicht wahrnimmt oder sie als zufällige Artefakte einstuft und ignoriert.
Zum anderen arbeitet Dan mit wiederverwendbaren Filtern, um in Photoshop sehr einfach Effekte wie runde Ecken, Gradienten oder Schatten hinzuzufügen. Dieser universelle, wiederverwendbare Ansatz lässt sich leider nicht zwangsläufig auf das Frontend übertragen. Ein wiederverwendbarer Effekt an vielen Stellen in Photoshop kann nicht-wiederverwendbare, individuelle und somit kostenintensive Arbeit an vielen Stellen im Frontend bewirken. Wünschenswert wäre aber, Effekte einzusetzen, die sich in beiden Medien einfach, performant und wiederverwertbar realisieren lassen.
Zukunftsweisend war wieder einmal die Keynote von Yahoo!-Entwickler Nate Koechley, der professionelles Frontend-Engineering thematisierte. HTML und seine Freunde waren jahrelang unterbewertet. Im Informatikstudium wird dieser Bereich oft nur am Rande behandelt, schliesslich sei es nur eine Auszeichnungssprache, keine Programmiersprache. Das ist falsch, denn HTML ist eine deklarative Programmiersprache, und im Zusammenspiel mit Stylesheets, JavaScript im Browser und Techniken wie PHP auf dem Server entwickeln wir damit Software im Browser. Douglas Crockford nennt es „die feindlichste Entwicklungsumgebung, die man sich vorstellen kann“. Es gibt eine Reihe von wichtigen Wissensgebieten, die auf verschiedene Arten angewendet werden müssen auf drei Betriebssystemen in einem halben Dutzend Browsern in zwei verschiedenen Darstellungsoptionen. Und damit sind noch nicht einmal Randgebiete wie Internationalisierung, Performance oder Barrierefreiheit enthalten. Wenn Sie also zukünftig wieder einmal kleine Rauchwölkchen aus den Köpfen Ihrer Entwickler aufsteigen sehen, wissen Sie warum.
Auch die Barrierefreiheit kam nicht zu kurz, allein schon wegen der ausgewiesenen Experten im Publikum, mit denen sich stets interessante Gesprächsthemen fanden. In einem Panel ging es dabei um die Kommunikation von Best Practices. Hängengeblieben ist davon der Satz: „Sei nicht der Mensch mit den Problemen, sei der mit den Lösungen.“ Zugegeben, es ist enorm schwierig, sich leidenschaftlich für ein Thema zu engagieren, dabei aber die Fähigkeit zu besitzen, pragmatisch und diplomatisch bleiben zu können. Andererseits denke ich aber, dass sich Lösungen finden lassen, wenn beide Seiten Argumenten zugänglich sind, ihre eigene Position zu hinterfragen und zu Kompromissen bereit sind.
Darüberhinaus betonten die Podiumsteilnehmer erneut, dass Barrierefreiheit nur dann langfristig und nachhaltig effizient sein kann, wenn die Massnahmen auf Vorstandsebene (PDF) unterstützt werden, wenn es eine Accessibility Policy in einem Unternehmen gibt, und wenn kluge Unternehmen einsehen, dass mit Zielgruppenmaximierung bedeutende Umsätze zu erzielen sind. Keine Angst, Menschen mit Behinderungen möchten als Markt wahrgenommen werden!
Ein bisschen ausführlicher und auf englisch habe ich übrigens in meinem eigenen Blog über @media berichtet.







