Mit der Möglichkeit seit dieser Woche auch als Unternehmen eine eigene Seite auf Google+ einrichten zu können, stellen sich viele Firmen die Frage, ob sie diese Möglichkeit nutzen sollen (Chance oder Risiko?). Die Unsicherheit wird dabei von der Unwissenheit gestärkt, wie sich Angebot und Nachfrage entwickeln werden. Was wird Google noch alles an Funktionalitäten, aber auch Einschränkungen (z.B. Richtlinienvorgaben), bieten? Wie viele Leute werden Google+ überhaupt (dauerhaft) nutzen? Eine klassische Managemententscheidung unter Unsicherheit.

Da sich bei derartigen Entscheidungen das reine Bauchgefühl oder auch Würfeln selten bewähren, nachfolgend einige Aspekte zum Durchdenken der Entscheidung. Denn ein pauschales (und einfaches) „Ja" bzw. „Nein" zu einem Google+ Engagement ohne Berücksichtigung der Unternehmensspezifika kann ich als Berater leider nicht aussprechen.
1. Spricht unsere Markenidentität für ein frühes Engagement?
Attribute, wie „innovativ" oder „dialogorientiert" sind gut mit einem frühen Engagement vereinbar. Es besteht eine gute Chance entsprechend aufs Image einzuzahlen. Auch wenn man sich grundsätzlich als First User oder Early Adopter von Innovationen sieht und darstellt, würde dies für ein frühzeitiges Engagement sprechen.
2. Welches Ziel wollen wir mit dem Engagement erreichen?
Eigentlich banal und der Ausgangspunkt von allem, aber leider - auch in Social Media - gerne mal vernachlässigt: das Ziel. Die Seite muss im Rahmen der bestehenden Kommunikations-, Vertriebspolitik und/oder des Kundenmanagements einen Zweck erfüllen. Dies bildet die Grundlage für ein klares Angebot.
Genauso muss sie aber auch dem Dialogpartner (hier: Follower) einen Nutzen bieten, auch er hat ein Ziel, welches er erreichen können sollte.
3. Haben wir eine Idee und „Story" für das Dialogangebot?
Es sollte ein Themenspektrum geben, welches für die Dialogpartner relevant ist und vom Unternehmen fachlich bedient werden kann. Die Art und Weise der Vermittlung der Inhalte sowie der Anregung des Dialogs sollten idealerweise feststehen. Ein Unternehmensstil lässt sich festlegen. Ein Angebots- und Dialogstil hat sich bei Google+ natürlich noch nicht herauskristallisiert, aber Unternehmen die früh einsteigen, können diesen mitbeeinflussen.
4. Ergibt sich aus unserer Branchenposition quasi die Notwendigkeit für ein Engagement?
Für Unternehmen aus Branchen mit starkem Internetbezug ist es fast unumgänglich „mitzumachen". Ausnahmen könnten hier vielleicht Unternehmen sein, die sich als „anders" als die Anderen darstellen wollen. Bei Branchen mit keinem oder (noch) geringerem Internetbezug stehen speziell die Branchenführer vor der Situation einen Standard (Benchmark) setzen zu können (evtl. auch zu müssen). Insbesondere wenn sich ein Unternehmen als führend, vielleicht gar als Nr. 1 der Branche in Social Media, positioniert, sollte es sich frühzeitig (möglichst vor den Wettbewerbern) engagieren.
5. Erfüllen wir die organisatorischen Voraussetzungen für ein Engagement?
Es bedarf mehrerer kompetenter Mitarbeiter, die sich um das Angebot kümmern. Selbst wenn es nur einen Redakteur/Communitymanager geben sollte (aktuell lässt Google auch nur einen Admin zu), bedarf es intern immer wieder Abstimmungen zu den Inhalten des Dialogangebots mit verschiedenen Stellen. Diese Personen und ihre Arbeitszeit müssen verfügbar sein und sie müssen sich auch einbringen wollen.
6. Haben wir eine Social Media Strategie?
Ein vorhandener Rahmen für sämtliche Social Media Aktivitäten des Unternehmens gibt Sicherheit bei der Entscheidung und ggf. Entwicklung des Angebots. Die Erreichung der generellen Social Media Ziele gelingt grundsätzlich erfolgsversprechender wenn die Aktivitäten unter Berücksichtigung einer Strategie konzipiert werden können. Die Wahrscheinlichkeit einer stringenten Darstellung und Wahrnehmung bei den Zielgruppen wird erhöht.
7. Benötigen wir eine quasi hundertprozentige Rechtssicherheit vor einem Engagement?
Die Nutzung von Facebook zeigt die rechtlichen Schwierigkeiten und Unsicherheiten, welche mit einem Engagement bei einem Social Network einhergehen. Alleine ein auf allen Geräten rechtskonform zugängliches Impressum anzubieten ist derzeit nicht möglich. Von der Datenschutzproblematik gar nicht zu sprechen. Da Google das gleiche Interesse an Nutzerdaten wie Facebook haben dürfte, um nahezu perfektes Targeting bei der Werbung bieten zu können. Auch wenn derzeit Google+ einen vertraulicheren Anschein im Umgang mit Nutzerdaten als Facebook zu machen scheint, dürften in diesem Bereich noch schwierige Punkte hochkommen. Insbesondere im datenschutzsensiblen Deutschland.
8. Entsprechen die Google+ Nutzer einer unserer Zielgruppen oder sind sie zumindest wesentliche Beeinflusser einer der Zielgruppen?
Angesichts der Neuheit von Google+ ist diese Frage natürlich noch schwer zu beantworten. Es ist sehr wenig über die Nutzer bekannt, man weiß nicht wer noch teilnehmen wird und ein Analyticstool bietet Google auch (noch?) nicht an. Dies bietet aber auch die Chance entsprechend aufgeschlossene Zielgruppen für das Google+ Angebot zu begeistern.
9. Wollen wir nur die gleichen Beiträge wie auf einer anderen Plattform veröffentlichen?
Jede Social Media Plattform hat ihren eigenen Stil, auch wenn sich dieser bei Google+ noch entwickeln muss, 1:1-Kopieren geht hier nicht und sollte nicht angestrebt werden. Die grundsätzliche „Story" kann (und sollte häufig auch) auf verschiedenen Kanälen stattfinden, nur das Dialog- und Vernetzungverhalten ist plattformspezifisch zu spezifizieren. Zumal es auch für Fans/Follower/Freunde nervig sein kann auf verschiedenen Plattformen das gleiche zu lesen (kein Mehrwert).
Es müssen sicherlich nicht alle Fragen positiv beantworten werden, um sich guten Gewissens bereits jetzt auf Google+ zu engagieren. Aber dies sollte dann möglichst schnell - ggf. mit Ausnahme der Markenidentität - nach Beginn der Aktivitäten erfolgen können.
Natürlich erhebt die Liste keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Ich freue mich über weitere Aspekte, an denen ein frühes Engagement auf Google+ überprüft werden kann.
Vielen Dank an meinen Kollegen Benjamin Schmidt für den fachlichen Austausch!